G20-Gipfel: wieso verniedlicht man die Krawall- und Zerstörungswut, in dem man sie als Protest verharmlost?

Wieder einmal steht ein G20-Gipfel in Deutschland an – und wieder stehen groß angelegte Demonstrationen bevor. Wie schon bei den früheren Gipfeltreffen von Baden-Baden bis Heiligendamm rufen diverse Organisationen zu Protesten und zum Widerstand auf. Ich frage mich: Wogegen, zum Kuckuck?

Man kann natürlich in vielen Dingen anderer Meinung sein als die Regierungschefs der USA, Türkei oder von Kanada. Aber wenn man um Sorge um den Stand der Welt ist – ob einen die Umweltanliegen am Herzen liegen oder die Meinungsfreiheit, oder gar der Frieden zwischen den Teilnehmern – ich persönlich finde es einen ungeheuren zivilisatorischen Fortschritt, dass sich die Regierungschefs der wichtigsten Länder zu einem Meinungsaustausch treffen und sich dabei auch „in echt“ gegenüberstehen. Für den Umgang miteinander ist doch der Kontakt miteinander sehr viel wichtiger als der Austausch von diplomatischen Noten oder bilaterale Gespräche. Wer also, der seine Sinne beisammen hat, kann irgendwas gegen ein Gipfeltreffen haben?

Und da zeigt sich: es geht nicht um das Treffen an sich. Die Berufsdemonstranten protestieren, so die kondensierte Lesart, dagegen, dass bei diesen Treffen wahlweise die Umwelt, die 3. Welt, die Schutzreservate der Einhörner oder sonst ein Anliegen keine Rolle spielt. Nun weiß jeder Aktivist der Welt, dass man die Umwelt, die 3. Welt oder die Einhörner besonders erfolgreich schützt, in dem man Molotowcocktails-werfend durch eine Innenstadt zieht und dabei als antikapitalistische Geste gegen die Unterdrückung des Volkes protestiert, in dem man die Kleinwagen der dort wohnenden Familien abbrennt.

Und das ist nicht ironisch gemeint. Eines der Bündnisse, die zum Protest aufrufen, tut dies unter dem bezeichnenden Titel „Welcome to hell“ (und meint damit nicht Helsinki), und erklärt:

„Wir rufen weltweit dazu auf, Hamburg zu einem Ort und Ausrufezeichen des Widerstandes gegen die alten und neuen Autoritäten des Kapitalismus zu machen.

Wir wollen mit einer Demonstration zum Auftakt des G20 Gipfels Protest und Widerstand, radikale Kritik und Praxis gegen patriarchale und kapitalistische Zustände sichtbar machen – uns gegen die Diskurshoheiten der Empfänge und Kamingespräche der folgenden Tage in Stellung bringen“.

Also: Man will die Bilder stören. Statt eleganter Roben und würdervollem Händeschütteln sollen schwarze Blöcke und brennende Barrikaden zu sehen sein. Die wohlstandsverwahrlosten Jüngelchen, die von Papa und Mama alimentiert im 30. Semester antikapitalistische und konsumkritische Soziologie studieren, träumen von der Revolution der Massen (zumindest solange, die der IPhone-Akku hält). Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie Bilder von brennenden Kleinwagen statt von Wangenküssen nun dem Kleinbauern im Tschad oder dem Tümmler im Pazifik helfen sollen, aber mir fehlt natürlich auch die Grundlagenschulung im dialektischen Klassenkampf.

Wohlgemerkt: Das Recht auf Protest, und auf Demostrationen, hat jeder. Das eben ist der Unterscheid zu dem sozialistischen Staat, den sich die Krawallfreunde als Alternative ersehnen. Man werfe nur mal einen Blick auf Venezuela, Nordkorea oder erinnere sich an die UdSSR und die DDR, um zu verstehen, was im real existierenden Sozialismus mit den Menschen geschieht und geschah, die öffentlich anderer Meinung als das Politkbüro waren bzw sind.

Ich schließe aus dem grotesken Protestgeschwurbel nur eines: Hier wollen die diversen linken Gruppen randalieren und suchen sich ein inhaltliches Feigenblatt. Aber selbst wenn sich alle Gipfelteilnehmer spontan im Millentorstadion versammeln und gemeinsam öffentlich Hugo Chavez und Raul Castro die Treue schwören – die Gewalt- und Plünderzüge werden dennoch stattfinden.

Bezeichnend ist, dass einer der Organisatoren der LINKEN klar ausspricht: Für die Gewalt gegen das Gipfeltreffen ist derjenige verantwortlich, der das Gipfeltreffen organisiert („Wer G 20 nach Hamburg holt, holt Gewalt in die Stadt”) . Schau an, die antikapitalistische und antipatriachalisch aufgestellten Organisatoren orientieren sich an uralten Ausreden: An der Vergewaltigung ist die Schlampe Gewalt ist Hamburg selber schuld – hätte sie sich halt nicht so aufreizend angezogen hätte die Stadt halt den Gipfel nicht ausgetragen.

Und nun wird Hamburg zur Belagerungszone – nicht wegen Justin Trudeau und Shinzo Abe, sondern weil klar ist, dass ein paar Dutzend Idioten und ein paar Hundert Mitläufer Steine auf die Regierungschefs schmeißen würden, wenn sie zu sehen wären, und die deshalb umfassend geschützt werden müssen. Also: Protest gegen Einschränkungen der Meinungsfreiheit, in dem man die bekämpft, die anderer Meinung sind.

Liebe demonstrierenden Kinder, ihr müsst jetzt ganz stark sein, denn die Wahrheit ist: die Anwohner finden nicht den Kapitalismus scheiße – die finden euch scheiße.

Mir jedenfalls geht es gewaltig auf den Zeiger, dass ein paar gelangweilte adrenalinkick suchende Jugendliche (bzw nie aus diesem Stadium hinausgewachsene) ihre Zerstörungswut mit dem linken Protestblabla begründen und damit tatsächlich auch noch einigermaßen durchkommen.

Das Problem ist meines Erachtens auch, dass sich durch das unerträgliche Klassenkampfgeschwurbel auch alle jene Anliegen disqualifizieren, die in der Sache sogar berechtigt sein mögen. Aber das werden die K-Gruppen-Kämpfer wohl nie verstehen. Das ist wie beim Protestzug gegen die Pegida-Demos. Beim Fußballspiel im Sommer habe ich oft beide Demos gehört, und so sehr mich die latente und unterschwellige Fremdenfeindlichkeit abstößt – ich würde mich niemals zur Gegendemo stellen. Denn dort tönen aus dem Megaphon antikapitalistische Parolen. Und mein Protest gegen Pegida ist nicht zugleich eine Unterstützung für die linken Idioten.

Andere Aufrufe wollen nicht gegen Ungerechtigkeit oder für Umwelt, Tschad oder Einhörner demonstrieren, sondern erklären geradeheraus, sie wollen den Gipfel “versenken”. Mal abgesehen davon, dass die Anti-Militaristen so eine Wortwahl bei jedem Oberbürgermeister auf das wütenste anprangern würden: Es hilft bei der Beurteilung von Aktionen immer, zur Reflexion auch der eignen Meinung, sich vorzustellen, es fände spiegelverkehrt statt. Sprich: Stellen wir uns vor, ein Haufen volltätowierter Londsdale-tragender Springerstiefelträger hätte aufrufen, das Treffen der Sozialistischen Internationalen im März diesen Jahres in Carthagena “versenken” zu wollen, oder zu “radikalem Protest gegen die Enteignung und die Bonzenherrschaft der Sozialisten” aufzurufen. Ob da immer noch so viel zwischen den Zeilen zustimmende Begeisterung der Zeitungsredakteure durchschimmert? Ob da auch gelassenes Schulterzucken mit “was veranstalten die Kolumbianer auch den Kongress da, selber schuld, wenn sie mir dann in den Baseballschläger laufen” beantwortet worden wäre?

Und so bleiben halt doch zwei Fragen: erstens, wie schon gesagt: Warum um alles in der Welt protestiert man dagegen, dass sich Regierungschefs zum Austausch treffen? Und zweitens: wieso verniedlicht man die Krawall- und Zerstörungswut, in dem man sie als Protest verharmlost? Ein Arsch bleibt ein Arsch, auch wenn er in schwarzes Tuch vermummt ist und was von Antikapitalismus von sich hin furzt.

Die Moralhelden von Correctiv

Correctiv ist ein Verbund von Journalisten, die ihre Geschichten (‘langfristig zu Themen, die andere Medien zu wenig beachten’, so die Eigendarstellung) online veröffentlichen. Dieses Verbund sieht sich als Ritter der journalistischen Reinheit, also als Kämpfer für das Gute und Wahre.

Sorry für den Anflug von Sarkasmus, aber die Eigendarstellung ist noch schlimmer. Correctiv hat einen Ethikrat, dessen Mitglieder darauf achten, “dass CORRECTIV den hohen ethischen Grundsätzen aufklärerischen Journalismus als wichtigen Beitrag für die demokratische Kultur genügt”.

Ganz ohne Zuckerguss: correctiv macht in der Tat viele gute Geschichten, und David Schraven, den Geschäftsführer, habe ich als klugen und angenehmen Gesprächspartner kennengelernt (ich hoffe, es schadet ihm nicht, wenn ich das sage). Aber in der Regel macht Correctiv Themen, bei denen ich mich nicht wirklich auskenne.

Etwas Wirbel verursachte der Verbund, als bekannt wurde, dass sie für Facebook “fake news” bekämpfen sollen – was konsequent ist, weil sie ja DIE GUTEN© sind. Ein guter Teil des Heiligenscheins ist verloren gegangen, als correctiv vor kurzem veröffentlichte, dass eine AfD-Kandidaten wohl mal mit Sex Geld verdient hat. Nun haben viele Medien und Journalisten ja ein Problem damit, die normalen journalistischen Maßstäbe anzulegen, wenn es um die AfD geht – weil das ja eine Frage der Haltung ist und da anscheinend alle Mittel erlaubt sind. (Ich habe keinerlei Sympathien für die AfD; die latende Fremdenfeindlichkeit ist mir zuwider und Sozialismus halte ich für ein Verbrechen, egal on National oder International – aber ich finde trotzdem nicht, dass das jedes Mittel rechtfertigt. Ein schönes Beispiel dazu ist selbst Stefan Niggemeier gegen den Strich gegangen).

Mit ist dieser Tage allerdings etwas anders unangenehm aufgestoßen. Wir erinnern uns: Correctiv steht für heiligen, reinen, wahren Journalismus, so sehr, dass sie auswählt wurden, fake news zu bekämpfen.

Nun, vor einigen Tagen hatte eine Gruppe von Aktivisten ein Profil eines angeblichen CDU-Mitgliedes angelegt, die angeblich eine Petition gegen Waffenexporte verfasst hatte. Über dieses Fake-Profil sind einige Medien gestolpert, auch auf die Metaebene – also dem Bericht über die Fakeaktion – hat es die Aktion geschafft.

Nun kann man diese Aktion toll finden oder auch nicht, es ist aber eine gefälschte Nachricht. Den Metabericht – in diesem Fall in der taz, die natürlich mit dem treffenden Unterton berichtete – hat correctiv auf twitter verbreitet.

Mag sein, dass ich das überbewerte, aber: Die Organisation, die (sich selber) zur Speerspitze im Kampf gegen Fake News auserkoren hat, verbreitet genüßlich – fake news. Oder? Das legt dann doch den Verdacht nahe, dass fake news nur dann bekämpft gehören, wenn sie von den “Falschen” kommt. Die GUTEN© dürfen das anscheinend.

Oder ich habe es völlig falsch verstanden. Kann sein. Bin ja auch keiner von den GUTEN.

Der SPIEGEL als Pressestelle der IG Metall

Da taucht am Samstag eine Meldung im Spiegel auf, die aufmerken lässt – Markus Dettmer, seit mehr als 22 Jahren beim SPIEGEL und unter anderem mit dem Friedrich-Vogel-Preis für Wirtschaftsjournalismus und dem Deutschen Journalistenpreis ausgezichnet, schreibt dort: “Die Arbeitnehmer in der wichtigsten deutschen Industriebranche lehnen es fast geschlossen ab, Begrenzungen der Arbeitszeit aufzuheben. Das ergab eine Beschäftigtenbefragung der IG Metall, an der weit über eine halbe Million Arbeitnehmer teilgenommen haben. Mehr als 96 Prozent wollen weiterhin ein Arbeitszeitgesetz, das Höchstarbeitszeiten und Ruhezeiten verbindlich regelt.”

Er hat also einen Teil der Umfrage, die zwei Tage später auf einer Pressekonferenz vorgestellt wurde, vorab exklusiv erhalten. Soweit normal und unproblematisch. Allerdings fällt auf, dass nichts zur Umfrage weiter im Artikel steht. Und wenn man dann – zwei Tage später, wie gesagt – mal schaut, wie denn die Frage lautete, die die IG Metall in ihrer Befragung gestellt hat, so findet sich dort:

“Beschäftigte brauchen auch in Zukunft ein Arbeitszeitgesetz, das der Arbeitszeit Grenzen setzt. Dazu gehört auch das Recht auf Abschalten (Ruhezeit).” – mit den Antwortmöglichkeiten “ich stimme zu”, “ich stimme eher zu”, “eher nicht zu” und “nicht zu”. Richtig ist: Die “stimme zu” und “eher zu” summieren sich auf >96 %.

Dass die Kollegen in der Pressestelle der IG Metall daraus machen “lehnen jede Änderung ab”, ist zwar inhaltlich dreist falsch, aber wenigstens ideologisch nachvollziehbar. Dass ein Journalist diese Lesart völlig unkritisch übernimmt, ist allerdings bedenklich. Hat er die Originalfrage nie gesehen? Oder war ihm das völlig egal, weil er die gewünschte Botschaft teilt? Oder hat er ungeprüft die von der IG MEtall gelieferte Formuliserung ins Blatt gehoben? Man weiß nicht, was man schlimmer finden soll. Die mit viel selbstbeweihräucherung gefeierte Faktencheck-Abteilung des SPIEGEL scheint damit interessanterweise auch kein Problem gehabt zu haben.

Tja. Spiegel. Keine Angst vor der Wahrheit, oder wie war das?

Nachtrag: kann natürlich sein, dass Herrn Dettmer eine konkrete Frage vorliegt, die den veröffentlichen Text rechtfertigt, und die IG Metall diese nur nicht veröffentlicht hat. Ist seeeeehr wahrscheinlich, aber fairerweise: Es ist möglich.

P.S.: Kleiner Hinweis für diejenigen, die am Thema Interesse haben: Was komtm denn raus, wenn man nicht nur die eigene Meinung hören will, sondern etwas ehrlicher fragt? Zum Beispiel: “Könnten Sie sich vorstellen, an einigen Tagenauch länger zu arbeiten, wenn Sie dafür an anderen Tagen kürzer/gar nicht arbeiten müssten?” Die Antwort: Das hier.

Die “pluralen Ökonomen”

In den sozialen Netzen und auf einigen Blogs – und gelegentlich auch in den gedruckten Medien – finden sich Aussagen einer Gruppe “pluraler Ökonomen”, die die gängige Vorherrschaft der neoliberalen Thesen im volkswirtschaftlichen Studium bemängelt – wenn ich das richtig verstanden haben. Nun ist die These von dem Siegeszug des Neoliberalismus ein anderes Thema, aber Fakt ist tatsächlich, dass immer mal wieder von Wirtschaftsstudenten zu lesen ist, die empört anprangern, im Studium keine Ursachenforschung der Finanzkrise zu hören und statt dessen Mathematik lernen zu müssen.

Ich gebe zu, mein Studium der Volkswirtschaftslehre ist inzwischen in paar Jahre her. Es mag sich also etwas verändert haben im Vergleich zu damals. Andererseits habe ich an der Uni Bonn mein Diplom gemacht, und dort wurde damals schon ein ausgesprochener Wert auf die Mathematik gelegt. Was mir keineswegs immer gefallen hat.

Aber weder dort noch an der Indiana University Bloomington, an der ich ebenfalls studiert habe, bin ich irgendwelchen Denkvorschriften begegnet. An ein neoliberales Dogma kann ich mich schon gar nicht erinnern (gut, die “Pluralen” würde mir jetzt vermutlich sagen, dass ich ja selber so ein übler neoliberaler Zeitgenosse bin und es deshalb nicht erkenne). Die Lehre war vielmehr aufgeteilt in Makroökonomie und Mikroökonomie, und der Forschungstrend ging schon damals weg vom Homo Oeconomicus zu Spieltheorie und zur Ökonometrie.

Beide kamen allerdings auch nicht ohne Mathematik aus. Und ich habe das Gefühl, da liegt der Kern des Problems.

Auf mich wirkt die Debatte der “pluralen Ökonomen” wie der Realitätsschock von Jusos und Sozialkundeleistungskurs-Kindern, die total kapitalismuskritische Diskussionen führen und nun erschrocken feststellen, dass das VWL-Studium nicht die erwartete Laberwissenschaft ist, wo Betroffenheitslyrik ausreicht, sondern dass dort mühsam gelernt werden muss.

Und statt sich unter Gleichgesinnten stolz zu versichern, wie furchtbar der Kapitalismus ist, muss man sich nun durch Algebra durchkämpfen und an mathematischen Modellen beweisen, was Änderungen an Stellschrauben bewirken, statt einfach empört sein zu können.

Ich habe damals auch nicht feststellen können, dass Debatten unerwünscht sind, im Gegenteil – man muss sie halt nur in der wissenschaftlichen Methodik führen, dann war alles offen.

Ein Medizinstudent darf übrigens auch nicht im 2. Semester operieren, auch der muss erst die notwendigen Grundlagen lernen.

Unter dem Strich vertreten die nicht zufällig gewerkschaftsgeförderten Pluralen weltanschaulich geprägte Thesen, die kein anderer ernsthafter Wissenschaftler im Fach teilt. Und sie verlangen, dass ihre eher soziologisch-klassenkampforientierten Theorien gleichberechtig gelehrt werden.

Dass aber im Volkswirtschaftsstudium nicht auf Marx und seine Jünger verwiesen wird, liegt schlicht daran, dass sich die Wirtschaftswissenschaftler in den Grundlagen einig sind – so sehr man im jeweiligen Spezialgebiet auch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt.

Was die „Pluralen“ also wirklich wollen, ist: Dass ihre Weltanschauung als gleichberechtigt zum Konsens der echten Wissenschaft dargestellt wird. Das kennt man aus dem Anspruch der bibelgläubigen, die Schöpfungsgeschichte als gleichberechtigt mögliche Alternative zur Evolution unterrichtet haben zu wollen. Die „Pluralen“ sind die Kreationisten der Ökonomie.

Mein Problem mit der heute-show

Ja, ich weiß, ich bin damit eine Minderheit, aber ich finde die Heute Show grauenhaft. Öffentlich finden Oliver Welke und seine show ja alle wunderbar, so wunderbar, dass mich das immer hier dran erinnert. Alle, oder zumindest fast alle, lieben die heute show.

Nun mag der eine oder andere denken, ich sei vielleicht befangen, weil die heute show ja ein erklärter Gegner von Organisationen ist, die meinem Arbeitgeber nahestehen.

Das stimmt, aber das ist nicht mein Problem.

Die heute show ist für mich übelstetes Gesinnungskabarett. Früher© bestand scharfsinniges Kaberett nicht darin, mit pointierten, hintersinnigen Überlegungen das Publikum zum Nachdenken und zum Lachen zu bringen, es bestand darin, Helmut Kohls Stimme und Diktion mehr oder weniger gelungen zu imitieren und als “Birne” einfach nur guten Morgen zu sagen. Den Rest erledigte die Gesinnung des Publikums, das sich am gemeinsamen Feindbild wärmte und im Bewusstsein der gemeinsamen, richtigen Gesinnung gegenseitig für seine mutige Haltung bewunderte. Kurz: Es war unerträglich unlustig.

Die heute show ist schlimmer. Sie erhebt nicht einmal mehr den Anspruch, sich mit irgendeinem Inhalt auseinanderzusetzen. Nein, stattdessen besteht der “Humor” der Sendung darin, Meinungen, die nicht dem öffentlich-rechtlichem (also einem, seien wir ehrlich, i.d.R. linken) Mainstream entsprechen, mit möglichst brachialen Schimpfwörten zu beschiessen. Ja, es ist lustig, wenn Hassknecht kreativ flucht, aber es ist natürlich gerade keine Haltung, und erst recht keine inhaltliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Andere Meinungen persönlich zu beleidigen – nein: Wüst und unflätig zu beschimpfen – vergiftet die öffentliche Debatte, und da hört für mich der Spaß auf, den ich vorher schon nicht hatte.

Das gilt meiner Ansicht nach auch uneingeschränkt für den Umgang mit Polikern, gleich welcher Partei. Der Fäkal- und Brachialhumor der heute show basiert auf der Prämisse, dass alle Politiker doof und korrupt sind. Entsprechend werden sie mit allen Mitteln der Medienmacht vorgeführt. Alle Politiker sind doof und korrupt? Kommt einem das nicht bekannt vor? Genau. Die heute show schürt genau die Politikverachtung nach Kräften, die Oliver Welke dann in nachdenklichen Feuilleton-Interviews beklagen darf. Voila, geschlossene Wertschöpfungskette nennt man das wohl. Also, unter uns kaltherzigen markgläubigen Neoliberalen. Bei der heute show würde man “DUMMDREISTE ARSCHGEIGEN!” brüllen.

 

SPON und die Entgeltlücke

SPON.. nun.. ach, nee, hat ja keinen Zweck. Aber diese Woche gab es mal wieder ein schönes Beispiel. Das statistische Bundesamt hat die aktuellen Zahlen zur statistischen Entgeltlücke veröffentlicht. Wörtlich heisst es in der Pressemitteilung von DESTATIS:
“Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) anlässlich des Equal Pay Day am 18. März 2017 weiter mitteilt, lassen sich fast drei Viertel des unbereinigten Gender Pay Gap auf strukturelle Unterschiede zurückführen: Die wichtigsten Gründe für die Differenzen der durchschnittlichen Bruttostundenverdienste waren Unterschiede in den Branchen und Berufen, in denen Frauen und Männer tätig sind, sowie ungleich verteilte Arbeitsplatzanforderungen hinsichtlich Führung und Qualifikation. Darüber hinaus sind Frauen häufiger als Männer teilzeit- oder geringfügig beschäftigt.”
Unten folgt noch der Hinweis: “Der Gender Pay Gap ist die Differenz des durchschnittlichen Bruttostundenverdienstes der Männer und Frauen im Verhältnis zum Bruttostundenverdienst der Männer. Es stehen dabei zwei Indikatoren mit unterschiedlicher Intention zur Verfügung. Der unbereinigte Gender Pay Gap vergleicht den Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmer beziehungsweise Arbeitnehmerinnen in allgemeiner Form miteinander. Mithilfe des unbereinigten Gender Pay Gap wird auch der Teil des Verdienstunterschieds erfasst, der durch schlechtere Zugangschancen von Frauen hinsichtlich bestimmter Berufe oder Karrierestufen verursacht wird, die möglicherweise ebenfalls das Ergebnis benachteiligender Strukturen sind. Der bereinigte Gender Pay Gap hingegen misst den Verdienstabstand von Männern und Frauen mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiographien.”

Was meldet nun SPON? Rrrrrrichtig! “Neue Zahlen zeigen: Für denselben Job bekommen Mitarbeiterinnen noch sechs Prozent weniger Geld als ihre männlichen Kollegen”.

Auf Twitter gab es dafür die völlig gerechtfertigte Watsche. Die Twitterer von SPON haben das Problem erkannt und sich sogar ausdrücklich für den Bockmist entschuldigt: “Hier ist uns ein Fehler passiert: Es handelt sich bei den 21 % um den unbereinigten Gender Pay Gap. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.”
Das ist lobenswert. Aber bis heute ist der  Artikel unverändert. Hat man das dem/der AutorIn “lov” schlicht nicht mitgeteilt, das journalistisch unsauer gearbeitet wurde? Oder hat sich lov aus weltanschaulichen Gründen geweigert, das zu ändern?

stern vom 17.3.: Die hart arbeitende Mitte

Heute hat der Stern als große Titelgeschichte “die hart arbeitende Mitte”. Dazu fällt mir als erstes der Leitartikel des Chefredakteurs in Auge, der schreibt “reichte früher oft ein Gehalt, um sich ein Heim zu schaffen und dazu noch die Zukunft der Familie abzusichern, können sich das junge Paare mit Kindern heute kaum noch vorstellen”.

Das ist streng genommen nichts Falsches. Redlicher wäre es aus meiner Sicht aber schon, an der Stelle irgendwie zu fragen, ob das denn stimmt, statt den Gefühlsteppich weiter auszurollen. Kleiner Hinweis: Genau die Frage hat vor kurzem die wunderbar unaufgeregte ZEIT untersucht, die sich immer wieder traut, den flächendeckenden “Verelendungsmainstream” zu hinterfragen. Die Antwort der ZEIT lautet übrigens: “Wie aber ist dann das Klischee zu erklären, wonach ein Mittelschichtsgehalt heute nicht mehr für das reicht, was früher möglich war? Die Antwort: Mit dem Wohlstandsniveau der achtziger Jahre gibt sich heute niemand zufrieden.”.

Aber weg vom Chefredakteur (der vor einigen Ausgaben forderte, Populisten zu ächten, und in der darauf folgenden Ausgabe ein großes Wagenknecht-Interview hatte. Äh…wtf?) zur Titelgeschichte.

Die im Artikel zitierten Personen hinterlassen bei mir weitgehend den Eindruck von Weinerlichkeit.So werden “Katherine und Deon” zitiert mit “Unseren Eltern ging es besser als uns. Sie hatten längerfriste Arbeitsverträge und konnten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wir arbeiten beide.Es tut weh, die Kinder solange weggeben zu müssen…”.  Hmm. Tja. Also, meine Mutter hat auch nicht gearbeitet. Ist das  Familienmodell der 50er und 60er also für Ketherine und Deon erstrebenswert? Meine Eltern konnten sich übrigens auch sehr viel früher als ich ein eigenes Haus leisten. Aber ehrlich gesagt: Die haben auch sehr viel härter dafür gespart, statt gerne essen zu gehen oder weite Urlaubsreisen zu machen. Also, ich finde: eigenes Studium, eigener Beruf, mit Selbstverwirklichung, ist für Frauen heute zum Glück normal geworden, statt gesellschaftliche Ächtung zu bedeuten. Und wenn Katherines undDeons Eltern nur annähernd so sind wie meine, dann haben sie schmerzhaft gespart und konnten sich deshalb mehr leisten.

“Björn Stoll”, der zwei Seiten später portraitiert ist, spricht das offen aus: “Meine Generation wechselt schnell Jobs, reist viel oder besorgt sich Geld auf Pump. Für meine Eltern war ein Eigenheim wichtig”.

Die Studienrätin “Kerstin Langhoff” hat völlig Recht mit ihrer Aussage “Viele Kinder haben großes Potential, werden aber von Ihren Eltern nicht gefördert. Und uns fehlt das Personal, das zu ändern.”

So, und wo ist nun das Problem damit?

Alle genannten Zitate zeigen, dass es hier um die Folgen von individuellen Lebensentscheidungen geht. Die einen reisen lieber, statt zu sparen, die anderen kümmern sich einen Scheiß um die Schulleistungen ihrer Kinder. Die Botschaften aber, die der STERN dem Leser vermittelt, sind (extra fett gedruckt): ABER CHANCENGLEICHHEIT GIBT ES IN DEUTSCHLAND NICHT, UNSEREN ELTERN GING ES BESSER ALS UNS, WIR SIND FLEXIBEL. DAS IST EIN RIESENVORTEIL, ABER AUCH EIN RISIKO. Merken Sie was, lieber Leser?

Alles nicht gelogen. Aber die Melodie muss zur Einleitung des Artikels passen (“Menschen fühlen sich allein gelassen”), und entsprechend wird aus der individuellen Verantwortung kurzerhand Politikverachtung geschürt. Dezent, aber wirkunsvoll.

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