Zum aktuellen Stand des Diskurses – Seehofer und ZEIT

In dieser Woche gab es mit Seehofer und der ZEIT wieder zwei große Aufreger quer durch die Timeline –und beide Male wurde wieder sehr schnell deutlich, wie versaut der öffentliche Diskurs (zumindest der twitternden Gemeinde) inzwischen ist.

Aber eines nach dem anderen.

Zum Prinzip

Die gesamte Flüchtlingsfrage habe ich noch nicht kommentiert – ich bin vermutlich der einzige weit und breit, der dazu keine klare und starke Meinung hat. Aber weil es vermutlich nicht ohne einen entsprechenden disclaimer geht…

Ich finde es selbstverständlich, Menschen, die vor Krieg und Terror fliehen, zu helfen. Und ich verstehe es auch absolut, wenn jemand, der keine Chance sieht, sich und seine Familie durchbringen zu können, sich auf den Weg dahin macht, wo er eine Chance sieht.

Auf der anderen Seite – nein, das ist falsch. Das ist keine andere Seite, sondern das gehört für mich untrennbar dazu! Also: Dazu gehört aber auch, dass diejenigen, die vor Krieg und Terror fliehen, schon wirklich vor Krieg und Terror fliehen.

Wenn ich in der Berliner S-Bahn einem Motz-Verkäufer 5 Euro gebe, weil er Hunger hat, und dann sehe, dass er beim nächsten angebotene Lebensmittel ablehnt, dann fühle ich mich belogen, und das bekommt der nächste Motz-Verkäufer dann leider ab, in dem er nichts abbekommt. (Ist mir so noch nicht passiert, aber ihr wisst, was ich meine).

Und: ein besseres Leben führen zu wollen ist ein legitimes Anliegen. Ebenso legitim ist es aber, sich auszusuchen, wen man ins Land lässt (Stichwort: Zuwanderungsgesetz). Wer lernen und hart arbeiten will, vielleicht sogar in den Berufen, die wir selber nicht mehr so gerne machen, ist herzlich willkommen. Und das ist etwas, was wir als Gesellschaft vielleicht noch viel stärker lernen müssen: Wer jung, motiviert und begabt ist, hat im Prinzip die ganze Welt zur Wahl. Warum sollte dieser Mensch ausgerechnet nach Deutschland kommen, wo es oft nass und kalt ist, die Sprache schwer zu lernen und die Menschen ihn eigentlich nicht haben wollen? Sprache und Wetter sind, wie sie sind, aber wir müssen schon deutlich machen (und es wirklich so empfinden!), dass uns Menschen aus aller Welt willkommen sind. Und ja, der Zusatz ist erlaubt: Wenn sie bei uns und mit uns leben wollen, so wie wir das tun. Nur am Rande: Ich stehe dazu, dass ich es furchtbar finde, wenn Menschen 30, 40 Jahre in Deutschland leben und kein Deutsch sprechen (heute einfacher als früher, weil Satelliten-TV und Internet auch dieses kleine Deutsch-Einfalltor geschlossen haben). Ich finde es aber einen genauso großen Affront, wenn Deutsche seit 20 Jahren auf Mallorca leben, ohne Spanisch gelernt zu haben.

Zum Hintergrund vielleicht noch: Ich selber bin Entwicklungshelfer-Kind, in Afrika geboren und in Südamerika aufgewachsen. Meine inzwischen verstorbene Schwester war aus Bolivien adoptiert. Ich habe Volkswirtschaft studiert, um mich intensiver mit dem Thema Entwicklungspolitik beschäftigen zu können, Entwicklungspolitik und internationale Wirtschaftspolitik waren meine Studienschwerpunkte. Ich finde die Rechten – jede Ideologie der Abschottung, die zudem ein Land über das andere stellt, widerlich, menschenfeindlich und nicht zuletzt strunzdumm.

Und damit zu den Themen.

Seehofer und die Abschiebungen

Ja, ich weiß, Seehofers Machtspielchen hat viele entsetzlich genervt. Ich habe in meiner Timeline zum Glück kaum Rechte, und damit ein stark linkes Übergewicht (Medien/Politik/etc), und ich kann das inhaltlich nicht beurteilen, und vor allem will ich das auch nicht: Mir geht das auf die Nerven. Trotzdem: wenn ich das Dubliner Abkommen richtig verstehe, muss jemand, der Asyl sucht, das in dem Land tun, wo er Europa betritt. Sofern er nicht mit dem Flugzeug kommt, oder per Schiff zufällig an der kleinen Nord- und Ostseeküste anlegt, ist das nicht in Deutschland – weshalb Deutschland dieses Abkommen wohl wollte. Also müssen die Hilfesuchenden in Griechenland, Italien etc. bleiben. Ja, es stimmt: Deutschland hat es sich sehr leicht gemacht und die Länder ziemlich alleine gelassen. Wenn man die Schultern zuckt und sagt „nicht mein Problem“, ist das arrogant und leichtfertig. Also: Ja, da hätte Deutschland früher mehr tun müssen, vielleicht auch damals schon auf eine gerechte Verteilung der Lasten innerhalb der EU drängen müssen. Ist nicht geschehen. Dennoch: Jeder Asylsuchende, der von einem Nachbarland zu uns kommt, hat kein Recht darauf, bei uns Asyl zu erhalten. Das kann man doof finden, aber es ist die Rechtslage. Mit schien also die einhellige öffentliche Meinung, dass Seehofer ein menschenverachtender Depp ist, ein wenig zu sehr von individueller persönlicher Antipathie geprägt. Aber zurück zum eigentlichen Thema.

An Seehofers Geburtstag wurden nun eine Reihe von Menschen in ihre Heimatländer abgeschoben, deren Asylantrag abgelehnt wurde. Das heisst: die Gerichte haben, oft genug in langen Verfahren, endgültig entscheiden. Ich halte es für notwendig, dass der Rechtsstaat jedem offen steht, auch wenn es mühsam und langwierig ist. Ich halte es für ebenso richtig, nein, notwendig, diese Urteile auch umzusetzen. Nur, wenn ich sehe, dass meine Hilfsbereitschaft denjenigen zugute kommt, die Hilfe brauchen, und diejenigen, die sie nach ausführlicher Einzelfallprüfung nicht brauchen, auch wieder zurück müssen, werde ich weiter Hilfsbereit sind. Die Menschen sind in aller Regel hilfsbereit, aber keine Deppen.

An der Stelle will ich klar sagen: darüber kann man verschiedener Meinung sein. Das ist ok. Aber bitte auf beiden Seiten ohne Schaum vor dem Mund. Jemandem, der gegen Abschiebungen ist, unterstelle ich erst einmal, dass er armen Menschen helfen will, ein besseres Leben zu führen. Es ist widerlich, so jemandem Mitschuld an Morden einzelner Geflüchtenden zu unterstellen oder ihn/sie dafür mit zutiefst abscheulichem Haß zu übergießen. Es ist aber genauso widerlich, jemandem, der sich an den Rechtsstaat und seine Konsequenzen halten will und der dann diese Abschiebungen für richtig und für notwendig hält, von der anderen Seite aus mit kaum weniger starken Ausfällen zu beschimpfen.

Nun finde ich es auch unglücklich – ich verstehe auch, wenn jemand sagt: Geschmacklos -, mit einem Scherzchen auf die Nachricht von Ausweisungen zu reagieren. Aber das war es dann auch. Seehofer hat weder die Auszuweisenden persönlich ausgesucht noch die Ausweisung an diesem Tag angeordnet. Ihm die Schuld am Freitod eines Ausgewiesenen zu geben ist widerlich.

ZEIT und das Pro & Contra “Rettung”.

Der nächste Aufreger: Die Seite 3 der ZEIT, die in einem Pro&Contra debattiert, ob man die Bootsflüchtlinge retten soll oder nicht.

Ich schätze die ZEIT sehr dafür, dass sie sich trotz ihres linksliberalen Milieus immer wieder traut, die eigenen Gewissheiten kritisch zu hinterfragen. Jedenfalls sind sich die Journalisten der Medienblases, nicht zufällig auch viele GRÜNE und natürlich Linke, einig, dass die Autorin des Contra eine moralisch verwerfliche Person ist, die – so der wie immer todlustige Chefredakteur der TITANIC – von jedem Zeit-Mitarbeiter jeden Tag mit kochendem Kaffee zu übergiessen gehört, und die man auf der Straße erschießen soll. (ja, ich weiß, ich bin einfach zu doof für die „Satire“).

Bemerkenswert ist, dass der Beitrag übrigens klar sagt, dass man die Menschen in Not natürlich retten muss. Miriam Lau weist nur darauf hin, dass es eben nicht reicht, nur das Gute tun zu wollen, sondern dass man auch durchdenken muss, was das langfristig für Folgen hat.

Und genau das bedeutet Verantwortung: Nicht mehr nur impulsgesteuert handeln, sondern nachdenken. Hier kommen wir wieder zum Thema Entwicklungspolitik: Bilder von verhungernden Kindern in Afrika sind furchtbar, und wir helfen, natürlich. Mehr als einmal war die Folge: Tonnenweise Lebensmittel, die vor Ort eintreffen, keine Chance mehr für die Bauern, ihre Ernte zu verkaufen (weil genug gespendete Lebensmittel da sind), brachliegenlassen der Felder, nächste Hungersnot… repeat. Von den politischen Aspekten (Stützen eines Regimes, dass weiß, es kann ruhig die Gelder außer Landes schaffen – im Notfall wird seine Bevölkerung ja schon vom schlechten Gewissen des Westens gerettet).

Auch hier: Man kann über die Meinung, die Thesen von Frau Lau diskutieren. Natürlich darf man auch anderer Meinung sein. Aber ihr und der ZEIT zu unterstellen, dass die Frage selber schon moralisch unzulässig ist, das ist ein intellektuelle und moralische Bankrotterklärung.

Ich bin froh, dass inzwischen wenigstens ein paar Journalisten nicht nur die Frage für zulässig halten, sondern Frau Lau auch noch rechtgeben, und die ähnlich abgestoßen von dem Tugendterror sind.

Das Fazit:

Die Rechten reagieren auf jedes Reizwort mit unerträglichen Beschimpfungen und Drohungen und sind zu keiner sachlichen Debatte fähig. Wer mal schaut, was der oft kluge Haznain Kazim vom SPIEGEL sich von diversen Arschlöcher ansehen muss, die ein Problem damit haben, dass Herr Kazim klüger ist und besser Deutsch kann als sie, kann nur verzweifeln.

Das traurige ist: die Linken genauso. An dem Rechtstaat wollen beide nur festhalten, wenn er in ihrem Sinne handelt. Und die Rechten betreiben ihre Masche doch so: provozieren, auf jedes Argument mit übergeordneter Moral anworten, sich einer echten Diskussion verweigern und beklagen, dass man Dinge nicht mehr sagen darf. Dass sie sich der Diskussion verweigern, ist klar, denn eine Diskussion setzt ja nunmal voraus, dass man zumindest theoretisch die Möglichkeit in Betracht zieht, dass der Andere Recht haben könnte – mindestens aber, dass seine Sichtweise ebenso legitim ist.

Und was machen nun die Linken? Sie verweigern die sachliche Diskussion, ziehen es auch die höhere Moral (was ich von moralischen Diskussion halte, habe ich schon mal notiert), viele vermutlich, weil sie nur die Twitterüberschrift, nicht aber den Artikel gelesen haben, und erklären Dinge für unsagbar. Was für eine Pointe! Ich finde die menschenfeindlichkeit von Rechts unerträglich. Den Robespierre-Ansatz der Linken simmt aber nun auch nicht froh.

An der Twitterdebatte habe ich mich im übrigen nicht beteiligt. Es ist nämlich anscheindend unmöglich geworden, als reiner Beobachter die Debatte an sich zu kritisieren, ohne einer „Seite“ zugerechnet zu werden. Und: mit Kritik an der Linken, denen ich hier bescheinigen muss, sich genauso zu benehmen wie die, die zu kämpfen sie vorgeben, bekomme ich dort schnell Beifall aus Ecken, von denen ich keinen Beifall will. Und das Thema ist komplizierter als 160 Zeichen. Es sind ja hier schon drei Word-Seiten geworden.

 

 

 

 

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Das Ende der Diskursfähigkeit: Warum “Haltung” gefährlich ist

Meist regt man sich ja im Tagesschehen über etwas Konkretes auf. Neulich gab aber eine Anfrage mal die Gelegenheit, grundsätzlich über die politische Debattenkultur nachzudenken. Und dazu passt die immer wieder kehrende Forderung, man müsse “Haltung” zeigen – als Journalist, als Unternehmen, als Jedermann. Auch auf die Gefahr hin, damit alleine zu stehen: Das finde ich eine fatale Anbiederung an den Gruppenzwang.

Natürlich steht “Haltung” heute immer im Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage und dem “Kampf gegen Rechts”. Ich habe schon mal erklärt, dass ich jeden Glaubwürdiger fände, der seine hochmoralischen Werte auch dann hochhält, wenn sie gegen den Mainstream stehen. Aber da wir beim entscheidenden Stichwort der moralischen Werte sind: nach Jahren des Twitter- und Fachbook-Diskurses bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass gerade die “Haltung” und “Moralische Verpflichtung” der Grund für den zunehmenden Verlust an Diskursfähigkeit sind.

So gut wie alle Leitartikelschreiber sind sich ja schließlich einig, dass der Ton in politischen Diskussion heute ungleich schärfer und unversöhnlicher ist als früher, “in der guten alten Zeit”. Damals, als wir immer bei einer Tasse Tee unaufgeregt und ordentlich, mit Rednerliste und Redezeit, so lange ruhig ausdiskutiert haben, bis wir uns alle einig waren. Böse Worte sind dabei natürlich nie gefallen, schon gar keine Angriffe auf die Person. Und das haben wir alle solange friedlich gemacht, bis Populisten jeglicher Couleur die schöne Ordnung kaputt gemacht haben.

So ungefähr muss das mal gewesen sein, wenn ich die Klagen kluger Feuilletonisten ernst nehme. Ein bisschen schade ist nur, dass ich mich beim besten Willen nicht an diese Vergangenheit erinnern kann. Ich für meinen Teil erinnere mich beispielsweise den selbst in den Schulen unerbittlich aungetragenen Bundestagswahlkampf mit der “Stoppt Strauß”-Kampagne oder an NATO-Doppelbeschluss und Brokdorf – ebenfalls politische Auseinandersetzungen, die von beiden Seiten mit unerbittlicher Härte und Konsequenz geführt wurden. Selbst Anfang der 90er Jahre gab es noch die roten-Socken-Kampagne der CDU gegen die SED/PDS/Linkspartei. Nein, die Debatten waren damals©  weder friedlicher noch emotionsfreier als heute.

Ist also alles halb so wild? Gibt es keinerlei Grund zur Beunruhigung? Ganz so schön ist es leider nun auch wieder nicht. Der Blick in die Leserkommentare großer Onlinemedien oder in die Kommentarspalten der Sozialen Medien ist oft genug gruselig. Nein, das ist beschönigt. Er ist eigentlich immer gruselig. Bei den einen sind es die Rechten, bei den anderen die Linken, aber es sind fast immer Idioten. Was also ist anders als früher?

Es geht immer weniger um die Sache, sondern inzwischen fast immer um ein Prinzip. Dass hart um Positionen gerungen wurde, dass Meinung auch krachend auf Meinung traf, das gehörte immer schon zur Demokratie.

Aber es gibt heute viele Interessengruppen, die mit dem Streit um Sachfragen nicht weit zu kommen glauben. Sie haben sich deshalb höchst erfolgreich darauf verlegt, statt aus dem Ringen von Meinungen und Fakten lieber moralische Forderungen zu machen.

Es geht also nicht mehr um die Frage, ob eine im Schnitt gut versorgte Rentnergeneration noch mit der Gießkanne ein paar Rentenpunkte obendrauf bekommen soll – es geht um eine „Anerkennung der Lebensleistung“. Es geht nicht mehr darum, wie ein erwirtschaftetes Plus verteilt werden soll – es geht um „Arbeit, die zum Leben passt“. Es geht nicht mehr um die Gestaltung von Handelsabkommen, es geht um „die Demokratie“. Es geht nicht mehr darum, wie man Wohnungsbau voranbringt, sondern um ein „Menschenrecht auf Wohnen“. Es geht nicht mehr um die Frage, wie man in einer Industriegesellschaft Strom erzeugten kann, der auch nachts und bei Regen zur Verfügung steht – es geht darum, “die Erde zu retten”. Achtet mal darauf, es gibt unzähige Beispiele. Es funktioniert aber auch als Bullshitdetektor: Wer eine Forderung mit größtmöglichem Pathos vorbringt, und moralische Dimensionen in den Vordergrund stellt, hat in aller Regel die Zahlen gegen sich, und die Argumente sowieso.

Die Moralkeule wird immer dann geschwungen, wenn es an inhaltlichen Argumenten fehlt. Und das Traurige ist: es funktioniert manchmal.

Das Problem daran ist: Wer anfängt, das eigene Interesse hinter einer wie auch immer hergeleiteten Moral zu verstecken, setzt ein absolutes „wir gegen die“. Und er macht Kompromisse nahezu unmöglich, denn damit wird ja auch jede andere Auffassung als unmoralisch kategorisiert. Moral als Waffe im politischen Kampf: Das ist es, was den öffentlichen Diskurs vergiftet.

Dass dieser Methode Grenzen gesetzt sind, spüren wir dieser Tage. Wenn nämlich erstens ein Einwand nicht mehr daraufhin diskutiert wird, ob er sachlich zutrifft oder nicht, sondern wenn moralisch geurteilt wird, ob ein Einwand überhaupt erhoben werden darf,entsteht dieses mulmige Gefühl des “nicht mehr sagen dürfens”, aus dem sich Verfolgsungswahn und Populismus nähren. Und zweitens wird dann schnell dem moralischen Prinzip auf der anderen Seite ein anders, aber ebenso legitimes moralisches Prinzip entgegen gestellt. Und was nun? Dann haben wir einen nicht mehr zu überbrückenden Graben zwischen zwei Meinungen.

Hinzu kommt: Zur Demokratie und zur Diskussion gehört auch, prinzipiell die Möglichkeit zu akzeptieren, dass der Andere recht haben könnte – oder verschiedene Meinungen schlicht auszuhalten. Beides geht aber nicht, wenn ich meine eigenen Ziele hinter moralischen Absolutismen verstecke.

Spielen wir wieder mit offenen Karten, dann können wir Kompromisse finden. Wenn wir – egal, an welcher Stelle unserer Gesellschaft – um Geld oder Einfluss streiten, dann stehen wir doch bitte wieder dazu, dass wir über Geld oder Einfluss streiten! Das alles ist nicht verwerflich. Stattdessen aber das durch ein moralisches Prinzip zu verbrämen ist feige und macht Kompromisse immer schwieriger, oft sogar unmöglich.

 

Zum Ende von NEON

Hach, Neon! Als die damals© neu auf den Markt kam, habe ich sie sehr gern gelesen. Vielleicht, weil ich Hunter S. Thompsons Gonzo so gerne gelesen habe. Im Kern hat NEON nicht mehr berichtet, wie die Dinge (nach bestem Gewissen) sind, sondern wie sie sich subjektiv aus Autorensicht anfühlen – Gonzo eben.

Und wenn ich mich nicht irre, ist – den Autorennamen nach – NEON eine große journalistische Nachwuchsschmiede gewesen, vergleichbar nur mit dem SZ-Magazin.

Im Laufe der Zeit ist meine Begeisterung allerdings zunehmend abgekühlt.  Der befindlichkeitsjournalismus war nett und erfrischen, wenn es um Musik, Bücher, den ersten Arbeitstag oder ähnlich besinnungsaufsatzähnliche Dinge ging, aber zunehmend hat sich dieser NEON-Stil ja auch auf alle anderen Themen ausgeweitet.

Bei politischen und wirtschaftlichen Themen ist aber die Grenze erreicht. Da reicht es eben nicht, mit dem Stilmittel der gefühlten Wirklichkeit zu arbeiten – im Gegenteil, es ist ein Bruch der elementaren journalistischen Regeln. Wenn ich die Welt nur noch danach einteile, wie es sich für mich anfühlt, bin ich Geschmacksrichter, aber kein Berichterstatter mehr. Für faktenfreie Meinungen habe ich aber die Kommentarspalten der nächsten Onlinepublikation meiner Wahl, das kann nicht die Zukunft des Journalismus sein.

Und irgendwann hat ist das Stilmittel zur Pose verkommen, und dann hat es nur noch genervt. Eine Reportage, welche Gefühle ein Buch auslöst: Ok. Eine Reportage, wie doof ich es finde, für das Gehalt morgens früh aufstehen zu müssen: jämmerliches Selbstmitleid.  Sich mal wieder wie ein wehleidiger Teenager zu fühlen kann lustig sein, das Leben als wehleidiger Teenager anzugehen ist eine Zumutung. Ich spreche als Vater durchaus aus Erfahrung.

Kurz und gut: hat eine Weile lang Spaß gemacht mit Dir, liebe Neon. Aber deine Zeit war vorbei, und daher: danke für die schöne Zeit, mach’s gut.

 

 

Der öffentliche Diskurs und der vermisste kategorische Imperativ

Der öffentliche Diskurs ist krank. Ich finde, es wird dringend Zeit, das Hyperventilieren und die Schnappatmung wieder einzustellen und grundsätzlich erst einmal wieder andere Meinungen als die eigene zuzulassen und auszuhalten.

Schon daran krankt es, und zwar völlig egal, um welches Thema es geht. Und dann neigt die 10117-Blase (aber vermutlich nicht nur die) auch dazu, hinter jeder Aussage eine Metaebene zu vermuten, so dass jeder Sachbeitrag nicht nur in der Sachebene diskutiert wird, sondern sofort auf der Metaebene – ob es die nun gibt oder nicht. Auch das ist unglaublich anstregend und nervt.

Ich plädiere dafür, dass alle, ehe sie sich aufregen, erst einmal den Test machen: Wäre das genauso verwerflich, wenn das Vorzeichen umgekehrt wäre? Das ist umso wichtiger, wenn es angeblich um ein Prinzip geht. Wir müssen zurück zum kategorischen Imperativ.

Es ist völlig menschlich, dass wir oft mit zweierlei Maß messen. Die Fußballfans unter uns kennen das: Wenn Arjen Robben im Strafraum fällt, ist das für die Hälfte der Fans eine rotwürdige Schwalbe – für die Bayern-Fans aber ein klarer Elfmeter, denn selbst wenn Arjen von niemandem getroffen wurde, dann ist er nur gesprungen, um sich vor der Blutgrätsche zu schützen, die ihn sonst gleich umgesenst hätte*. Wir alle ordnen Dinge danach ein, wie unsere Sympathie liegt und ob es die aus unserer Sicht richtigen trifft, und das geht uns allen auch in anderen Bereichen so. Ralf Stegner hat bei einem Interview mit Frau Slomka einen Fettfleck auf der Krawatte? „Sympatisch-Menschlich, toll, dass es ihm um Sache geht statt um die persönliche Eitelkeit“ oder „was für ein respektloser Mensch, wenn es sich nicht mal dafür sorgfältig anzieht“: beides wird es sicher geben, und die Einschätzung hängt, wenn wir ehrlich sind, davon ab, ob wir Ralf Stegner mögen. Selbst das aber hängt daran, ob wir politisch ziemlich weit links stehen – oder eben nicht. Sportler oder Autoren äußern sich zu aktuellen politischen Themen: finden wir gut, wenn sie unserer Meinung sind, aber unangebracht, wenn sie nicht das gewünschte sagen. Das zeigt: Aber die persönliche Sympathie ist ein miserabler Ratgeber, wenn es um das Prinzip geht.

Selbstverständlich geht mir das ja genauso. Deshalb plädiere ich aus eigener Erfahrung für die Rückkehr zum kategorischen Imperativ als Bewertungsmaßstab. Was immer uns aufregt – ehe wir lostwittern: einmal den Check machen, wie das mit umgekehrtem Vorzeichen aussehe. Immer noch verwerflich? Dann los.

Schauen wir uns ein paar Beispiele an.

Bundestagsabgeordnete übernehmen Textentwürfe von Lobbyisten? Ist das auch dann verwerflich, wenn die Lobbyisten nicht von der Industrie, sondern von Greenpeace oder den Gewerkschaften sind?

Wir finden natürlich gut, wenn Gastwirte der AfD keinen Raum vermieten wollen. Würden wir es auch gut finden, wenn sie der Linken den Raum verweigern?

Eine Demonstration der AfD wird durch Protestaktionen verhindert. Das ist mir sympathisch, denn mit den Dumpfbacken, die da außen und im Hirn volltätowiert durch die Straße ziehen, verbindet mich nichts. Aber kann ich es gut finden, wenn eine doofe, aber legale Meinungsfreiheit eingeschränkt wird? Fände ich es erträglich, wenn die jährliche Rosa-Luxemburg-Prozession der LINKEN verhindert würde? (ok, schlechtes Beispiel, weil… aber das ist ein anderes Thema). Fänden es diejenigen, die das feiern, akzeptabel, wenn – sagen wir – Pulse Of Europe verhindert würde?

Wir sind völlig zu Recht wütend, wenn Abgeordentenbüros von Linken angegriffen werden (und das, obwohl ich in vermutlich so ziemlich jedem denkbaren Thema völlig anderer Meinung als der oder die Abgeordnete bin) – müssten wir das nicht auch sein, wenn AfD oder (um das Prinzip deutlich zu machen) DVU-Abgeordnete angegriffen werden?

Beim AfD-Parteitag gab es – in den sozialen Medien begeistert unterstützte – Blockaden durch Demonstranten, die Delegierten den Weg versperren wollten. Wäre die Berichtestattung von taz bis öffentlich-rechtliche auch dann von Sympathie durchworben, wenn ein Haufen stiernäckiger Prolls ein Treffen der parlamenarischen Linken zu verhindern versuchte? (Antwort: Wohl so)

Das zeigt sehr schnell: in den allermeisten Fällen finden wir das mit dem umgekehrten Vorzeichen nicht gut. Das Handeln im dem einen Fall funktioniert also nicht als Maßstab für allgemeingültiges Handeln. Dann aber bleibt uns nichts, als das auszuhalten – oder wir selbersind keinen Deut besser als diejenigen, die wir so moralisch überlegen ablehnen.

Also an alle: Fragen wir uns bitte vor dem Aufregen auch erst einmal wieder: Wäre das auch ein Elfmeter, wenn es gegen unser Team ginge?

 

*Disclaimer: Ich bin seit Kindertagen Bayern-Fan. Natürlich war das ein Foul, mindestens ein geplantes.

Medien und die Twitter-Pest

Am Anfang war es die Fußballberichterstattung im Fernsehen, so zumindest meine Wahrnehmung: Als Journalisten, die dafür bezahlt werden, Themen zu recherchieren und entsprechend aufbereitet den Lesern, Hörern und Zuschauern zu präsentieren, sich modern und interaktiv zeigen wollten und dann irgendeine nach optischen Gesichtspunkten ausgewählte Schnepfe* den Auftrag hatte, vorzulesen, was denn „das Netz“ so zum Spiel sagt und anfing, die besten Tweets vorzulesen.

Diese Masche hat sich inzwischen auch fest in den politischen Journalismus reingefressen, und das finde ich ein fürchterliches Armutszeugnis für den Journalismus. Ich will jetzt nicht Jean-Remy von Matt bemühen, aber seien wir ehrlich: gerade Twitter ist kein Medium für tiefe, ausgewogene Analysen. Es ist das geschreiebene Hassknecht: ein oft genug wütend rausgebrüllter Kommentar, der nicht auf sachliche Richtigkeit, nicht einmal auf Diskussion zielt, sondern da wird zu jedem beliebigen Thema mit plattest möglichen Witz um maximaler Zustimmung gerungen. Das kann manchmal wirklich lustig sein, meist aber ist es mehr Wagenknecht meets Mario Barth denn Loriot.

Sprich: es geht darum, den möglichst böswilligen One-Liner rauszuhauen, nicht darum, eine Debatte zu führen. Wenn Medien nun also die „besten“ Tweets raussuchen, ergänzen Sie ihren Artikel eben gerade nicht um eine zusätzliche Information oder auch nur um einen weiteren Aspekt, sondern sie bauen zynische Politikverachtung ein, und weil sie feige sind, verstecken sie das hinter einem zitierten Tweet. Als Journalisten sollten sie aber wissen, dass jeder Tweet eine individuelle Meinung ist und damit für nichts steht als für eine Einzelmeinung.

Und gerade heute ist mir das nun auch bei der dpa begegnet. In einem Beitrag über ein Youtube-Interview mit Martin Schulz findet sich die Passage: “‘Vielen der bis zu 15 000 Zuschauer, die das Gespräch bei Youtube verfolgen und bei Twitter kommentieren, gefällt, wie offen der 61-Jährige sich präsentiert. «Schulz ist deutlich sympathischer und nicht so «Fake» wie Merkel. Er ist deutlich spontaner, und das gefällt mir», twittert ein «Alex»”. Soweit das Zitat.

„Ein Alex“ bekommt ein Zitat-Platz in einem Beitrag der dpa. Das muss man mal so wirken lassen. Liebe DPA: WHO THE FUCK IS ALEX?  Warum wird dieser Tweet ausgesucht, und nicht einer von sicher mehreren hundert anderen?Aber das illustriert nur mein Grundproblem. Bei vielen Themen geht es mir übrigen s auch mit so Formaten wie „Twitterperlen“ etc ähnlich. Es gibt Themen, wo One-Liner wunderbar sind und passen. Aber zu politischen Themen – von Fachkräftemangel bis zu Flüchtlingen – ist es unanständig, nur den flottest möglichen Spruch irgendeines möchtegern-LateNightKomikers rauszuhauen und damit eine komplizierte politische Frage ins Lächerliche zu ziehen.

Liebe Medien, ob Fernsehen, online oder Print: bitte hört auf damit, willkürlich ausgewähltem Honks Platz einzuräumen. Das wirkt nicht modern, und auch nicht interaktiv – sondern es wirkt (zumindest auf mich) faul und feige.

 

*ja, das habe ich als genauso sexistisch empfunden, wie es dann wohl war.

Tauber und die Empörungsblase

Manchmal kommt man ja in die Verlegenheit, für jemanden Partei ergreifen zu müssen, den man eigentlich nicht verteidigen will. Stefan Niggemeier beispielsweise kennt das Phänomen, wenn er Journalisten, die über die AfD berichten, erklären muss, dass auch jemand, dessen Meinung man laut gesellschaftlicher Konvention ganz, ganz doll doof findet, Anrecht auf Anwendung der journalistischen Handwerksregeln hat, und dass in dem Moment, wo vermeindliche “Haltung” die sachlich saubere Arbeit ablöst, die Vorwürfe der Meinungspresse weitaus stärker zutreffend sind als allen lieb sein kann.

Nun will ich mich nicht mit Niggemeier vergleichen (das würde der sich wohl auch verbitten). Aber habe mich in der “Minijob-Debatte”, die Peter Tauber losgetreten hat, ein wenig so gefühlt. Ich bin kein Fan von Peter Tauber, ich bin nicht einmal ein Fan der CDU. Aber ich habe das wahrlich sich nicht schön anfühlende Bedürfnis, ihn zu verteidigen.

Dabei rede ich nicht über das Prinzip von Minijobs. Dafür bin ich schlicht zu wenig Arbeitsmarktexperte. Ich könnte mich bei sachkundigen Kollegen natürlich schlau machen, aber der Punkt ist ja genau der, dass es überhaupt nicht um Minijobs geht.

Was genau ist also passiert?

Peter Tauber hat über das Wahlrprogramm der CDU getwittert. Das politische Ziel lautet wohl “Vollbeschäftigung”. (darüber sollen andere ausführlich schreiben). Daraufhin hat ihm ein AfD-Troll geantwortet “auch, soll ich also drei Minijobs machen”?. Nun ist es ein erstaunliches Phänomen, dass linke und rechte Idioten sich der gleichen Themen und sogar des gleichen Vokabulars bedienen – die AfD-Deppen ziehen ebenso munter mit den Sahra-Wagenknecht-Gassenhauer von massenhaftem Elend durch die Lande.

Als Antwort auf den AfD-Troll haute dann Tauber seinen Satz raus “Wenn Sie was ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs”.

Nun weiss man als Kommunikationsmensch, dass es sich nicht lohnt, auf jeden Kommentar zu antworten. Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich mal, etwas wirklich ausgefallenes, mutiges und non-konformistisches wie einen Pro-TTIP-Tweet abzusenden. Also: es wäre sicher besser gewesen, den Deppen schlicht zu ignorieren.

Aber: Das Tauber damit ausgesagt habe, nur ungelernte würden Mini-Jobs ausüben, oder gar diejenigen beleidigt habe, die einfache Arbeiten ausüben – das ist so infam und bösartig, dass mir fast die Worte fehlen.

Niemand, der nicht die CDU hassen WILL, kann ernsthaft behaupten, das richte sich herablassend gegen jeden, der einen Minijob ausübt. Und ebensowenig ist das eine Aussage, mit jeder beliebigen Ausbildung werde man sorgenfrei leben können.

Dämliche Kommentare lassen auf Twitter selten lange auf sich warten, und so ein Fall ist die oft medial zitierte Aussage: “Schon mal versucht, als Erzieher_in oder in der Pflege eine Familie zu versorgen? Oder sind Menschen in diesen Berufen schlecht ausgebildet?”.

Mal ehrlich: was hat das mit Taubers Tweet zu tun? Genau: Überhaupt nicht das Geringste.

Dass der politische Gegner das sofort ausnutzt und bösartig fehlinterpretiert, ist bei dessen verzweifelter Suche nach irgendeinem Angriffspunkt ja noch nachvollziehbar, auch wenn es eine Trump-würdige Verrohung der politischen Sitten darstellt, die nicht dadurch besser wird, dass sie umgekehrt vermutlich genauso erfolgt wäre. Und dass die Gewerkschaften natürlich draufspringen, um ihrer SPD die Wahlkampfunterstützung zu geben, ist auch erwartbar – auch wenn ich schon ein wenig staune: Laut Satzung hat sich die IG Metall beispielsweise verpflichtet “ihre Unabhängigkeit gegen über den Regierungen, Verwaltungen, Unternehmern, Konfessionen und politischen Parteien jederzeit zu wahren”. Und dann erklärt zB Ralf Kutzner via  Twitter, wo er ausdrücklich als “Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall” auftritt:

“Tauber mit Geringverdiener-Bashing u. NRW-CDU will weniger Pausen und längere Arbeitszeit. Ist das nun der politische Arm der Reichen?”

Na gut, wie ernst die Gewerkschaft ihre eigene Satzung nimmt, ist nicht mein Problem.

All das wäre an sich ja schon schlimm genug. Aber der Blog heisst ja nicht “Politikblase”, und der Wahlkampf ist kein Ponyhof.

Richtig peinlich finde ich, dass die Medien dieses Spiel auch noch mitmachen und nicht etwa die Versuche, diesen Tweet als Beleidigung aller arbeitenden Menschen umzuinterpretieren, in Grund und Boden lachen, sondern sich zum eifrigen Werkzeug der Empörungsritter machen (lassen?).

Ganz vorne leider erwartbar mit dabei: Die besonderen Freunde von SPIEGEL ONLINE, die gleich mehrfach versuchen, die Empörungswelle voranzutreiben (ein eigenes Thema wäre mal die Unsitte, Tweets zu sammeln statt Artikel zu schreiben). Aber auch unsere seit der Dirndl-Geschichte von jeder parteipolitischen Neigung völlig fremde Vorkämpfer gegen Sexismus-Redaktion vom STERN war natürlich dabei. Sascha Lobo hat in seiner SPON-Kolumne immerhin etwas heiße Luft rausgelassen, wo er zumndest mal auf den Kontext hinweist. Fairerweise muss ich aber zugeben: Auch seriöse Medien haben sich gestern und heute reihen- und traurigerweise dazu entschlossen, dem Empörungsspin zu folgen, statt einmal ruhig durchzuatmen.

 

Ehe und alle und die 10117-Twitter-Blase

Mein Job als Sprecher eines Verbandes bringt es mit sich, dass meine Twitter-Timeline vor allem aus Politikern und Journalisten besteht, ergänzt durch Kollegen anderer Verbände, Gewerkschaften und sonstigen Akteuren im “öffentlichen Raum”. In der Regel ist das spannend und informativ, aber es gibt auch Tage, da geht mir die Hyperventilierende 10117-Twitterblase (10117: Postleitzahl des Regierungsviertels) so RICHTIG auf den Keks.

Das war zB beim “covfefe”-Hype so, als jeder Depp sich mit einem einem bestenfalls viertellustigem Meme oder Kommentar für klüger als Trump erklärte (entsetztlicherweise vermutlich durchaus zu Recht), aber glaubte, mit der Selbstgerechtigkeit dann es den blöden Amis aber mal so richtig gezeigt zu haben.

Gestern war wieder so ein Tag. Die “Ehe für Alle” ließ die Timeline explodieren. Nun ist es mir völlig egal, wer wen heiraten will, und für mich ist entscheidend, wer sich liebt und wer sich kümmern will.

Nein, mich hat wieder dieses Hyperventilieren gestört. Dieses Sandkastenschippchenniveau – “jetzt haben wir die CDU matt gesetzt” – “Nein, das ist mein Thema, ich wollte es als erstes” und das, offen gesagt, abstoßende Parteigekeife untereinander – und das verbunden mit dem Medienhype drum herum (“Hat Schulz jetzt Merkel angegriffen?” – “Was bedeutet diese Niederlage für Merkels Wahlchancen” etc.).

Ich verstehe, dass das Thema für viele Aktivisten und die aus ihnen hervorgegangenen Parteien emotional stark besetzt ist Aber erstens: Welche Partei stellte noch mal den ersten offen (!) homosexuellen Vizekanzler und Außenministern? Welche Partei den ersten offen homosexuellen Regierungschef eines Bundeslandes? Das scheint mir doch viel bedeutsamer, was die Akzeptanz angeht, als irgendein Symbolthema. Aber egal, ich zurück zum Thema: Glauben diese keifenden Twitterrazzis alle Ernsthaft, dass dieses Thema die Leute in Wunsiedel, in Burscheid und in Pritzwalk auch nur marginal mehr interessiert als der Fallwinkel eines Reissacks? Und wenn, werden die sich eher fragen, was denn die Elite bitteschön für Sorgen hat.

Die 10117-Blase vergisst manchmal überdeutlich, das von den 82.800.000 Einwohnern Deutschlands nur 368.122 in Berlin-Mitte leben, und das deren Probleme (so gravierend sie auch sein mögen) nicht zwingend die der restlichen 82.431.878 sein müssen. Und es gibt Tage, wo das so richtig nervend spürbar wird.

Nachtrag: Ach ja – wo wir gerade beim Thema Twitterarroganz sind: Ich finde die Ehe für alle ok. Ich respektiere aber auch, wenn jemand das anders sieht. Es gibt ja auch Menschen, die Modern Talking mochten. Aber mal ganz ehrlich: Wer traut sich schon noch, zuzugeben, dass er das anders sieht? Diese wenigen dann für ihre Meinung wüst zu beschimpfen (Zitat aus der Timeline von jetzt gerade: “Im DLF beschwerte sich gerade ein reaktionär homophober CDU-Mensch darüber, als reaktionär und homophob bezeichnet zu werden”), geht gar nicht – abgesehen vom fehlenden Respekt anders Denkenden gegenüber ist das eine selten dämliche Art, das “auch das darf man nicht mehr sagen”-Gefühl noch kräftig anzuheizen.

G20-Gipfel: wieso verniedlicht man die Krawall- und Zerstörungswut, in dem man sie als Protest verharmlost?

Wieder einmal steht ein G20-Gipfel in Deutschland an – und wieder stehen groß angelegte Demonstrationen bevor. Wie schon bei den früheren Gipfeltreffen von Baden-Baden bis Heiligendamm rufen diverse Organisationen zu Protesten und zum Widerstand auf. Ich frage mich: Wogegen, zum Kuckuck?

Man kann natürlich in vielen Dingen anderer Meinung sein als die Regierungschefs der USA, Türkei oder von Kanada. Aber wenn man um Sorge um den Stand der Welt ist – ob einen die Umweltanliegen am Herzen liegen oder die Meinungsfreiheit, oder gar der Frieden zwischen den Teilnehmern – ich persönlich finde es einen ungeheuren zivilisatorischen Fortschritt, dass sich die Regierungschefs der wichtigsten Länder zu einem Meinungsaustausch treffen und sich dabei auch „in echt“ gegenüberstehen. Für den Umgang miteinander ist doch der Kontakt miteinander sehr viel wichtiger als der Austausch von diplomatischen Noten oder bilaterale Gespräche. Wer also, der seine Sinne beisammen hat, kann irgendwas gegen ein Gipfeltreffen haben?

Und da zeigt sich: es geht nicht um das Treffen an sich. Die Berufsdemonstranten protestieren, so die kondensierte Lesart, dagegen, dass bei diesen Treffen wahlweise die Umwelt, die 3. Welt, die Schutzreservate der Einhörner oder sonst ein Anliegen keine Rolle spielt. Nun weiß jeder Aktivist der Welt, dass man die Umwelt, die 3. Welt oder die Einhörner besonders erfolgreich schützt, in dem man Molotowcocktails-werfend durch eine Innenstadt zieht und dabei als antikapitalistische Geste gegen die Unterdrückung des Volkes protestiert, in dem man die Kleinwagen der dort wohnenden Familien abbrennt.

Und das ist nicht ironisch gemeint. Eines der Bündnisse, die zum Protest aufrufen, tut dies unter dem bezeichnenden Titel „Welcome to hell“ (und meint damit nicht Helsinki), und erklärt:

„Wir rufen weltweit dazu auf, Hamburg zu einem Ort und Ausrufezeichen des Widerstandes gegen die alten und neuen Autoritäten des Kapitalismus zu machen.

Wir wollen mit einer Demonstration zum Auftakt des G20 Gipfels Protest und Widerstand, radikale Kritik und Praxis gegen patriarchale und kapitalistische Zustände sichtbar machen – uns gegen die Diskurshoheiten der Empfänge und Kamingespräche der folgenden Tage in Stellung bringen“.

Also: Man will die Bilder stören. Statt eleganter Roben und würdervollem Händeschütteln sollen schwarze Blöcke und brennende Barrikaden zu sehen sein. Die wohlstandsverwahrlosten Jüngelchen, die von Papa und Mama alimentiert im 30. Semester antikapitalistische und konsumkritische Soziologie studieren, träumen von der Revolution der Massen (zumindest solange, die der IPhone-Akku hält). Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie Bilder von brennenden Kleinwagen statt von Wangenküssen nun dem Kleinbauern im Tschad oder dem Tümmler im Pazifik helfen sollen, aber mir fehlt natürlich auch die Grundlagenschulung im dialektischen Klassenkampf.

Wohlgemerkt: Das Recht auf Protest, und auf Demostrationen, hat jeder. Das eben ist der Unterscheid zu dem sozialistischen Staat, den sich die Krawallfreunde als Alternative ersehnen. Man werfe nur mal einen Blick auf Venezuela, Nordkorea oder erinnere sich an die UdSSR und die DDR, um zu verstehen, was im real existierenden Sozialismus mit den Menschen geschieht und geschah, die öffentlich anderer Meinung als das Politkbüro waren bzw sind.

Ich schließe aus dem grotesken Protestgeschwurbel nur eines: Hier wollen die diversen linken Gruppen randalieren und suchen sich ein inhaltliches Feigenblatt. Aber selbst wenn sich alle Gipfelteilnehmer spontan im Millentorstadion versammeln und gemeinsam öffentlich Hugo Chavez und Raul Castro die Treue schwören – die Gewalt- und Plünderzüge werden dennoch stattfinden.

Bezeichnend ist, dass einer der Organisatoren der LINKEN klar ausspricht: Für die Gewalt gegen das Gipfeltreffen ist derjenige verantwortlich, der das Gipfeltreffen organisiert („Wer G 20 nach Hamburg holt, holt Gewalt in die Stadt”) . Schau an, die antikapitalistische und antipatriachalisch aufgestellten Organisatoren orientieren sich an uralten Ausreden: An der Vergewaltigung ist die Schlampe Gewalt ist Hamburg selber schuld – hätte sie sich halt nicht so aufreizend angezogen hätte die Stadt halt den Gipfel nicht ausgetragen.

Und nun wird Hamburg zur Belagerungszone – nicht wegen Justin Trudeau und Shinzo Abe, sondern weil klar ist, dass ein paar Dutzend Idioten und ein paar Hundert Mitläufer Steine auf die Regierungschefs schmeißen würden, wenn sie zu sehen wären, und die deshalb umfassend geschützt werden müssen. Also: Protest gegen Einschränkungen der Meinungsfreiheit, in dem man die bekämpft, die anderer Meinung sind.

Liebe demonstrierenden Kinder, ihr müsst jetzt ganz stark sein, denn die Wahrheit ist: die Anwohner finden nicht den Kapitalismus scheiße – die finden euch scheiße.

Mir jedenfalls geht es gewaltig auf den Zeiger, dass ein paar gelangweilte adrenalinkick suchende Jugendliche (bzw nie aus diesem Stadium hinausgewachsene) ihre Zerstörungswut mit dem linken Protestblabla begründen und damit tatsächlich auch noch einigermaßen durchkommen.

Das Problem ist meines Erachtens auch, dass sich durch das unerträgliche Klassenkampfgeschwurbel auch alle jene Anliegen disqualifizieren, die in der Sache sogar berechtigt sein mögen. Aber das werden die K-Gruppen-Kämpfer wohl nie verstehen. Das ist wie beim Protestzug gegen die Pegida-Demos. Beim Fußballspiel im Sommer habe ich oft beide Demos gehört, und so sehr mich die latente und unterschwellige Fremdenfeindlichkeit abstößt – ich würde mich niemals zur Gegendemo stellen. Denn dort tönen aus dem Megaphon antikapitalistische Parolen. Und mein Protest gegen Pegida ist nicht zugleich eine Unterstützung für die linken Idioten.

Andere Aufrufe wollen nicht gegen Ungerechtigkeit oder für Umwelt, Tschad oder Einhörner demonstrieren, sondern erklären geradeheraus, sie wollen den Gipfel “versenken”. Mal abgesehen davon, dass die Anti-Militaristen so eine Wortwahl bei jedem Oberbürgermeister auf das wütenste anprangern würden: Es hilft bei der Beurteilung von Aktionen immer, zur Reflexion auch der eignen Meinung, sich vorzustellen, es fände spiegelverkehrt statt. Sprich: Stellen wir uns vor, ein Haufen volltätowierter Londsdale-tragender Springerstiefelträger hätte aufrufen, das Treffen der Sozialistischen Internationalen im März diesen Jahres in Carthagena “versenken” zu wollen, oder zu “radikalem Protest gegen die Enteignung und die Bonzenherrschaft der Sozialisten” aufzurufen. Ob da immer noch so viel zwischen den Zeilen zustimmende Begeisterung der Zeitungsredakteure durchschimmert? Ob da auch gelassenes Schulterzucken mit “was veranstalten die Kolumbianer auch den Kongress da, selber schuld, wenn sie mir dann in den Baseballschläger laufen” beantwortet worden wäre?

Und so bleiben halt doch zwei Fragen: erstens, wie schon gesagt: Warum um alles in der Welt protestiert man dagegen, dass sich Regierungschefs zum Austausch treffen? Und zweitens: wieso verniedlicht man die Krawall- und Zerstörungswut, in dem man sie als Protest verharmlost? Ein Arsch bleibt ein Arsch, auch wenn er in schwarzes Tuch vermummt ist und was von Antikapitalismus von sich hin furzt.

Die Moralhelden von Correctiv

Correctiv ist ein Verbund von Journalisten, die ihre Geschichten (‘langfristig zu Themen, die andere Medien zu wenig beachten’, so die Eigendarstellung) online veröffentlichen. Dieses Verbund sieht sich als Ritter der journalistischen Reinheit, also als Kämpfer für das Gute und Wahre.

Sorry für den Anflug von Sarkasmus, aber die Eigendarstellung ist noch schlimmer. Correctiv hat einen Ethikrat, dessen Mitglieder darauf achten, “dass CORRECTIV den hohen ethischen Grundsätzen aufklärerischen Journalismus als wichtigen Beitrag für die demokratische Kultur genügt”.

Ganz ohne Zuckerguss: correctiv macht in der Tat viele gute Geschichten, und David Schraven, den Geschäftsführer, habe ich als klugen und angenehmen Gesprächspartner kennengelernt (ich hoffe, es schadet ihm nicht, wenn ich das sage). Aber in der Regel macht Correctiv Themen, bei denen ich mich nicht wirklich auskenne.

Etwas Wirbel verursachte der Verbund, als bekannt wurde, dass sie für Facebook “fake news” bekämpfen sollen – was konsequent ist, weil sie ja DIE GUTEN© sind. Ein guter Teil des Heiligenscheins ist verloren gegangen, als correctiv vor kurzem veröffentlichte, dass eine AfD-Kandidaten wohl mal mit Sex Geld verdient hat. Nun haben viele Medien und Journalisten ja ein Problem damit, die normalen journalistischen Maßstäbe anzulegen, wenn es um die AfD geht – weil das ja eine Frage der Haltung ist und da anscheinend alle Mittel erlaubt sind. (Ich habe keinerlei Sympathien für die AfD; die latende Fremdenfeindlichkeit ist mir zuwider und Sozialismus halte ich für ein Verbrechen, egal on National oder International – aber ich finde trotzdem nicht, dass das jedes Mittel rechtfertigt. Ein schönes Beispiel dazu ist selbst Stefan Niggemeier gegen den Strich gegangen).

Mit ist dieser Tage allerdings etwas anders unangenehm aufgestoßen. Wir erinnern uns: Correctiv steht für heiligen, reinen, wahren Journalismus, so sehr, dass sie auswählt wurden, fake news zu bekämpfen.

Nun, vor einigen Tagen hatte eine Gruppe von Aktivisten ein Profil eines angeblichen CDU-Mitgliedes angelegt, die angeblich eine Petition gegen Waffenexporte verfasst hatte. Über dieses Fake-Profil sind einige Medien gestolpert, auch auf die Metaebene – also dem Bericht über die Fakeaktion – hat es die Aktion geschafft.

Nun kann man diese Aktion toll finden oder auch nicht, es ist aber eine gefälschte Nachricht. Den Metabericht – in diesem Fall in der taz, die natürlich mit dem treffenden Unterton berichtete – hat correctiv auf twitter verbreitet.

Mag sein, dass ich das überbewerte, aber: Die Organisation, die (sich selber) zur Speerspitze im Kampf gegen Fake News auserkoren hat, verbreitet genüßlich – fake news. Oder? Das legt dann doch den Verdacht nahe, dass fake news nur dann bekämpft gehören, wenn sie von den “Falschen” kommt. Die GUTEN© dürfen das anscheinend.

Oder ich habe es völlig falsch verstanden. Kann sein. Bin ja auch keiner von den GUTEN.

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