stern vom 17.3.: Die hart arbeitende Mitte

Heute hat der Stern als große Titelgeschichte “die hart arbeitende Mitte”. Dazu fällt mir als erstes der Leitartikel des Chefredakteurs in Auge, der schreibt “reichte früher oft ein Gehalt, um sich ein Heim zu schaffen und dazu noch die Zukunft der Familie abzusichern, können sich das junge Paare mit Kindern heute kaum noch vorstellen”.

Das ist streng genommen nichts Falsches. Redlicher wäre es aus meiner Sicht aber schon, an der Stelle irgendwie zu fragen, ob das denn stimmt, statt den Gefühlsteppich weiter auszurollen. Kleiner Hinweis: Genau die Frage hat vor kurzem die wunderbar unaufgeregte ZEIT untersucht, die sich immer wieder traut, den flächendeckenden “Verelendungsmainstream” zu hinterfragen. Die Antwort der ZEIT lautet übrigens: “Wie aber ist dann das Klischee zu erklären, wonach ein Mittelschichtsgehalt heute nicht mehr für das reicht, was früher möglich war? Die Antwort: Mit dem Wohlstandsniveau der achtziger Jahre gibt sich heute niemand zufrieden.”.

Aber weg vom Chefredakteur (der vor einigen Ausgaben forderte, Populisten zu ächten, und in der darauf folgenden Ausgabe ein großes Wagenknecht-Interview hatte. Äh…wtf?) zur Titelgeschichte.

Die im Artikel zitierten Personen hinterlassen bei mir weitgehend den Eindruck von Weinerlichkeit.So werden “Katherine und Deon” zitiert mit “Unseren Eltern ging es besser als uns. Sie hatten längerfriste Arbeitsverträge und konnten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wir arbeiten beide.Es tut weh, die Kinder solange weggeben zu müssen…”.  Hmm. Tja. Also, meine Mutter hat auch nicht gearbeitet. Ist das  Familienmodell der 50er und 60er also für Ketherine und Deon erstrebenswert? Meine Eltern konnten sich übrigens auch sehr viel früher als ich ein eigenes Haus leisten. Aber ehrlich gesagt: Die haben auch sehr viel härter dafür gespart, statt gerne essen zu gehen oder weite Urlaubsreisen zu machen. Also, ich finde: eigenes Studium, eigener Beruf, mit Selbstverwirklichung, ist für Frauen heute zum Glück normal geworden, statt gesellschaftliche Ächtung zu bedeuten. Und wenn Katherines undDeons Eltern nur annähernd so sind wie meine, dann haben sie schmerzhaft gespart und konnten sich deshalb mehr leisten.

“Björn Stoll”, der zwei Seiten später portraitiert ist, spricht das offen aus: “Meine Generation wechselt schnell Jobs, reist viel oder besorgt sich Geld auf Pump. Für meine Eltern war ein Eigenheim wichtig”.

Die Studienrätin “Kerstin Langhoff” hat völlig Recht mit ihrer Aussage “Viele Kinder haben großes Potential, werden aber von Ihren Eltern nicht gefördert. Und uns fehlt das Personal, das zu ändern.”

So, und wo ist nun das Problem damit?

Alle genannten Zitate zeigen, dass es hier um die Folgen von individuellen Lebensentscheidungen geht. Die einen reisen lieber, statt zu sparen, die anderen kümmern sich einen Scheiß um die Schulleistungen ihrer Kinder. Die Botschaften aber, die der STERN dem Leser vermittelt, sind (extra fett gedruckt): ABER CHANCENGLEICHHEIT GIBT ES IN DEUTSCHLAND NICHT, UNSEREN ELTERN GING ES BESSER ALS UNS, WIR SIND FLEXIBEL. DAS IST EIN RIESENVORTEIL, ABER AUCH EIN RISIKO. Merken Sie was, lieber Leser?

Alles nicht gelogen. Aber die Melodie muss zur Einleitung des Artikels passen (“Menschen fühlen sich allein gelassen”), und entsprechend wird aus der individuellen Verantwortung kurzerhand Politikverachtung geschürt. Dezent, aber wirkunsvoll.

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