Die “pluralen Ökonomen”

In den sozialen Netzen und auf einigen Blogs – und gelegentlich auch in den gedruckten Medien – finden sich Aussagen einer Gruppe “pluraler Ökonomen”, die die gängige Vorherrschaft der neoliberalen Thesen im volkswirtschaftlichen Studium bemängelt – wenn ich das richtig verstanden haben. Nun ist die These von dem Siegeszug des Neoliberalismus ein anderes Thema, aber Fakt ist tatsächlich, dass immer mal wieder von Wirtschaftsstudenten zu lesen ist, die empört anprangern, im Studium keine Ursachenforschung der Finanzkrise zu hören und statt dessen Mathematik lernen zu müssen.

Ich gebe zu, mein Studium der Volkswirtschaftslehre ist inzwischen in paar Jahre her. Es mag sich also etwas verändert haben im Vergleich zu damals. Andererseits habe ich an der Uni Bonn mein Diplom gemacht, und dort wurde damals schon ein ausgesprochener Wert auf die Mathematik gelegt. Was mir keineswegs immer gefallen hat.

Aber weder dort noch an der Indiana University Bloomington, an der ich ebenfalls studiert habe, bin ich irgendwelchen Denkvorschriften begegnet. An ein neoliberales Dogma kann ich mich schon gar nicht erinnern (gut, die “Pluralen” würde mir jetzt vermutlich sagen, dass ich ja selber so ein übler neoliberaler Zeitgenosse bin und es deshalb nicht erkenne). Die Lehre war vielmehr aufgeteilt in Makroökonomie und Mikroökonomie, und der Forschungstrend ging schon damals weg vom Homo Oeconomicus zu Spieltheorie und zur Ökonometrie.

Beide kamen allerdings auch nicht ohne Mathematik aus. Und ich habe das Gefühl, da liegt der Kern des Problems.*

Auf mich wirkt die Debatte der “pluralen Ökonomen” wie der Realitätsschock von Jusos und Sozialkundeleistungskurs-Kindern, die total kapitalismuskritische Diskussionen führen und nun erschrocken feststellen, dass das VWL-Studium nicht die erwartete Laberwissenschaft ist, wo Betroffenheitslyrik ausreicht, sondern dass dort mühsam gelernt werden muss.

Und statt sich unter Gleichgesinnten stolz zu versichern, wie furchtbar der Kapitalismus ist, muss man sich nun durch Algebra durchkämpfen und an mathematischen Modellen beweisen, was Änderungen an Stellschrauben bewirken, statt einfach empört sein zu können.

Ich habe damals auch nicht feststellen können, dass Debatten unerwünscht sind, im Gegenteil – man muss sie halt nur in der wissenschaftlichen Methodik führen, dann war alles offen.

Ein Medizinstudent darf übrigens auch nicht im 2. Semester operieren, auch der muss erst die notwendigen Grundlagen lernen.

Unter dem Strich vertreten die nicht zufällig gewerkschaftsgeförderten Pluralen weltanschaulich geprägte Thesen, die kein anderer ernsthafter Wissenschaftler im Fach teilt. Und sie verlangen, dass ihre eher soziologisch-klassenkampforientierten Theorien gleichberechtig gelehrt werden.

Dass aber im Volkswirtschaftsstudium nicht auf Marx und seine Jünger verwiesen wird, liegt schlicht daran, dass sich die Wirtschaftswissenschaftler in den Grundlagen einig sind – so sehr man im jeweiligen Spezialgebiet auch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt.

Was die „Pluralen“ also wirklich wollen, ist: Dass ihre Weltanschauung als gleichberechtigt zum Konsens der echten Wissenschaft dargestellt wird. Das kennt man aus dem Anspruch der bibelgläubigen, die Schöpfungsgeschichte als gleichberechtigt mögliche Alternative zur Evolution unterrichtet haben zu wollen. Die „Pluralen“ sind die Kreationisten der Ökonomie.

 

*: Ich habe zB im Fach Wirtschaftspolitik eine Seminararbeit mit dem Titel “Wie lassen sich illegale Rüstungsexporte verhindern” geschrieben. Der Tutor war total begeistert davon, bestand aber auf einem korrekt und mathematisch auf der Höhe der Zeit angesiedeltem Modell, an dem man dann verschiedene Stellschrauben testen konnte. (Die VWL ist ja eine Ableitungswissenschaft…).

PS 1: Es ist damit nicht gesagt, dass Volkswirtschaft besser oder mehr wert ist als andere Fächer (obwohl, wenn ich an BWLer oder Juristen denke…), aber es geht hier um die Erwartunghaltung. Ich nehme an, auch im Theologie-Studium darf man über Zweifel an der Bibel diskutieren – nachdem man genügend Hebräisch gelernt hat, um die Originalquellen lesen zu können.

PS2: Das Unterschätzen des Aufwandes für VWL habe ich selber erlebt – ich habe neben VWLnoch Anglistik studiert und manche Geisteswissenschaftler gesehen, die ihrerseits VWL als Nebenfach belegt haben. Sie sind fast alle gescheitert. Das lag nicht daran, dass sie zu schlecht waren, sondern an der Gegebenheiten des Studiums: Als Anglist habe ich vielleicht fünf Klausuren im Semester, mit den zwei nötigen Nebenfächern dann 15 – als VWLs hatte ich ein oder zwei Prüfungen im Grundstudium, je nach Fleiss (und, nicht unwichtig: KEINE Nebenfächer). Die VWL-Klausuren habe ich mit jeweils 1 Monat intensivem Lernen bestanden (ich sagte schon, dass ich kein Naturtalent war), die Anglistik-Prüfungen nach einer Woche Mitschrift wiederholen. Da half nicht nur die Neigung, sondern natürlich auch, dass die Prüfungen da darauf ausgelegt waren, dass die Studierenden 14 weitere Prüfungen der Art hatten. Umgekeht hat halt keiner eine Chance, der mit der gewohnt eine Woche Wiederholen in die VWL-Klausur ging. War zumindet meine Beobachtung. Wie gesagt: die VWL sind nicht besser als die anderen. Waren halt nur unterschiedliche Herangehensweisen. Und ist auch alles 30 jahre her, inzwischen vielleicht alles anders.

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