G20-Gipfel: wieso verniedlicht man die Krawall- und Zerstörungswut, in dem man sie als Protest verharmlost?

Wieder einmal steht ein G20-Gipfel in Deutschland an – und wieder stehen groß angelegte Demonstrationen bevor. Wie schon bei den früheren Gipfeltreffen von Baden-Baden bis Heiligendamm rufen diverse Organisationen zu Protesten und zum Widerstand auf. Ich frage mich: Wogegen, zum Kuckuck?

Man kann natürlich in vielen Dingen anderer Meinung sein als die Regierungschefs der USA, Türkei oder von Kanada. Aber wenn man um Sorge um den Stand der Welt ist – ob einen die Umweltanliegen am Herzen liegen oder die Meinungsfreiheit, oder gar der Frieden zwischen den Teilnehmern – ich persönlich finde es einen ungeheuren zivilisatorischen Fortschritt, dass sich die Regierungschefs der wichtigsten Länder zu einem Meinungsaustausch treffen und sich dabei auch „in echt“ gegenüberstehen. Für den Umgang miteinander ist doch der Kontakt miteinander sehr viel wichtiger als der Austausch von diplomatischen Noten oder bilaterale Gespräche. Wer also, der seine Sinne beisammen hat, kann irgendwas gegen ein Gipfeltreffen haben?

Und da zeigt sich: es geht nicht um das Treffen an sich. Die Berufsdemonstranten protestieren, so die kondensierte Lesart, dagegen, dass bei diesen Treffen wahlweise die Umwelt, die 3. Welt, die Schutzreservate der Einhörner oder sonst ein Anliegen keine Rolle spielt. Nun weiß jeder Aktivist der Welt, dass man die Umwelt, die 3. Welt oder die Einhörner besonders erfolgreich schützt, in dem man Molotowcocktails-werfend durch eine Innenstadt zieht und dabei als antikapitalistische Geste gegen die Unterdrückung des Volkes protestiert, in dem man die Kleinwagen der dort wohnenden Familien abbrennt.

Und das ist nicht ironisch gemeint. Eines der Bündnisse, die zum Protest aufrufen, tut dies unter dem bezeichnenden Titel „Welcome to hell“ (und meint damit nicht Helsinki), und erklärt:

„Wir rufen weltweit dazu auf, Hamburg zu einem Ort und Ausrufezeichen des Widerstandes gegen die alten und neuen Autoritäten des Kapitalismus zu machen.

Wir wollen mit einer Demonstration zum Auftakt des G20 Gipfels Protest und Widerstand, radikale Kritik und Praxis gegen patriarchale und kapitalistische Zustände sichtbar machen – uns gegen die Diskurshoheiten der Empfänge und Kamingespräche der folgenden Tage in Stellung bringen“.

Also: Man will die Bilder stören. Statt eleganter Roben und würdervollem Händeschütteln sollen schwarze Blöcke und brennende Barrikaden zu sehen sein. Die wohlstandsverwahrlosten Jüngelchen, die von Papa und Mama alimentiert im 30. Semester antikapitalistische und konsumkritische Soziologie studieren, träumen von der Revolution der Massen (zumindest solange, die der IPhone-Akku hält). Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie Bilder von brennenden Kleinwagen statt von Wangenküssen nun dem Kleinbauern im Tschad oder dem Tümmler im Pazifik helfen sollen, aber mir fehlt natürlich auch die Grundlagenschulung im dialektischen Klassenkampf.

Wohlgemerkt: Das Recht auf Protest, und auf Demostrationen, hat jeder. Das eben ist der Unterscheid zu dem sozialistischen Staat, den sich die Krawallfreunde als Alternative ersehnen. Man werfe nur mal einen Blick auf Venezuela, Nordkorea oder erinnere sich an die UdSSR und die DDR, um zu verstehen, was im real existierenden Sozialismus mit den Menschen geschieht und geschah, die öffentlich anderer Meinung als das Politkbüro waren bzw sind.

Ich schließe aus dem grotesken Protestgeschwurbel nur eines: Hier wollen die diversen linken Gruppen randalieren und suchen sich ein inhaltliches Feigenblatt. Aber selbst wenn sich alle Gipfelteilnehmer spontan im Millentorstadion versammeln und gemeinsam öffentlich Hugo Chavez und Raul Castro die Treue schwören – die Gewalt- und Plünderzüge werden dennoch stattfinden.

Bezeichnend ist, dass einer der Organisatoren der LINKEN klar ausspricht: Für die Gewalt gegen das Gipfeltreffen ist derjenige verantwortlich, der das Gipfeltreffen organisiert („Wer G 20 nach Hamburg holt, holt Gewalt in die Stadt”) . Schau an, die antikapitalistische und antipatriachalisch aufgestellten Organisatoren orientieren sich an uralten Ausreden: An der Vergewaltigung ist die Schlampe Gewalt ist Hamburg selber schuld – hätte sie sich halt nicht so aufreizend angezogen hätte die Stadt halt den Gipfel nicht ausgetragen.

Und nun wird Hamburg zur Belagerungszone – nicht wegen Justin Trudeau und Shinzo Abe, sondern weil klar ist, dass ein paar Dutzend Idioten und ein paar Hundert Mitläufer Steine auf die Regierungschefs schmeißen würden, wenn sie zu sehen wären, und die deshalb umfassend geschützt werden müssen. Also: Protest gegen Einschränkungen der Meinungsfreiheit, in dem man die bekämpft, die anderer Meinung sind.

Liebe demonstrierenden Kinder, ihr müsst jetzt ganz stark sein, denn die Wahrheit ist: die Anwohner finden nicht den Kapitalismus scheiße – die finden euch scheiße.

Mir jedenfalls geht es gewaltig auf den Zeiger, dass ein paar gelangweilte adrenalinkick suchende Jugendliche (bzw nie aus diesem Stadium hinausgewachsene) ihre Zerstörungswut mit dem linken Protestblabla begründen und damit tatsächlich auch noch einigermaßen durchkommen.

Das Problem ist meines Erachtens auch, dass sich durch das unerträgliche Klassenkampfgeschwurbel auch alle jene Anliegen disqualifizieren, die in der Sache sogar berechtigt sein mögen. Aber das werden die K-Gruppen-Kämpfer wohl nie verstehen. Das ist wie beim Protestzug gegen die Pegida-Demos. Beim Fußballspiel im Sommer habe ich oft beide Demos gehört, und so sehr mich die latente und unterschwellige Fremdenfeindlichkeit abstößt – ich würde mich niemals zur Gegendemo stellen. Denn dort tönen aus dem Megaphon antikapitalistische Parolen. Und mein Protest gegen Pegida ist nicht zugleich eine Unterstützung für die linken Idioten.

Andere Aufrufe wollen nicht gegen Ungerechtigkeit oder für Umwelt, Tschad oder Einhörner demonstrieren, sondern erklären geradeheraus, sie wollen den Gipfel “versenken”. Mal abgesehen davon, dass die Anti-Militaristen so eine Wortwahl bei jedem Oberbürgermeister auf das wütenste anprangern würden: Es hilft bei der Beurteilung von Aktionen immer, zur Reflexion auch der eignen Meinung, sich vorzustellen, es fände spiegelverkehrt statt. Sprich: Stellen wir uns vor, ein Haufen volltätowierter Londsdale-tragender Springerstiefelträger hätte aufrufen, das Treffen der Sozialistischen Internationalen im März diesen Jahres in Carthagena “versenken” zu wollen, oder zu “radikalem Protest gegen die Enteignung und die Bonzenherrschaft der Sozialisten” aufzurufen. Ob da immer noch so viel zwischen den Zeilen zustimmende Begeisterung der Zeitungsredakteure durchschimmert? Ob da auch gelassenes Schulterzucken mit “was veranstalten die Kolumbianer auch den Kongress da, selber schuld, wenn sie mir dann in den Baseballschläger laufen” beantwortet worden wäre?

Und so bleiben halt doch zwei Fragen: erstens, wie schon gesagt: Warum um alles in der Welt protestiert man dagegen, dass sich Regierungschefs zum Austausch treffen? Und zweitens: wieso verniedlicht man die Krawall- und Zerstörungswut, in dem man sie als Protest verharmlost? Ein Arsch bleibt ein Arsch, auch wenn er in schwarzes Tuch vermummt ist und was von Antikapitalismus von sich hin furzt.

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