Ehe und alle und die 10117-Twitter-Blase

Mein Job als Sprecher eines Verbandes bringt es mit sich, dass meine Twitter-Timeline vor allem aus Politikern und Journalisten besteht, ergänzt durch Kollegen anderer Verbände, Gewerkschaften und sonstigen Akteuren im “öffentlichen Raum”. In der Regel ist das spannend und informativ, aber es gibt auch Tage, da geht mir die Hyperventilierende 10117-Twitterblase (10117: Postleitzahl des Regierungsviertels) so RICHTIG auf den Keks.

Das war zB beim “covfefe”-Hype so, als jeder Depp sich mit einem einem bestenfalls viertellustigem Meme oder Kommentar für klüger als Trump erklärte (entsetztlicherweise vermutlich durchaus zu Recht), aber glaubte, mit der Selbstgerechtigkeit dann es den blöden Amis aber mal so richtig gezeigt zu haben.

Gestern war wieder so ein Tag. Die “Ehe für Alle” ließ die Timeline explodieren. Nun ist es mir völlig egal, wer wen heiraten will, und für mich ist entscheidend, wer sich liebt und wer sich kümmern will.

Nein, mich hat wieder dieses Hyperventilieren gestört. Dieses Sandkastenschippchenniveau – “jetzt haben wir die CDU matt gesetzt” – “Nein, das ist mein Thema, ich wollte es als erstes” und das, offen gesagt, abstoßende Parteigekeife untereinander – und das verbunden mit dem Medienhype drum herum (“Hat Schulz jetzt Merkel angegriffen?” – “Was bedeutet diese Niederlage für Merkels Wahlchancen” etc.).

Ich verstehe, dass das Thema für viele Aktivisten und die aus ihnen hervorgegangenen Parteien emotional stark besetzt ist Aber erstens: Welche Partei stellte noch mal den ersten offen (!) homosexuellen Vizekanzler und Außenministern? Welche Partei den ersten offen homosexuellen Regierungschef eines Bundeslandes? Das scheint mir doch viel bedeutsamer, was die Akzeptanz angeht, als irgendein Symbolthema. Aber egal, ich zurück zum Thema: Glauben diese keifenden Twitterrazzis alle Ernsthaft, dass dieses Thema die Leute in Wunsiedel, in Burscheid und in Pritzwalk auch nur marginal mehr interessiert als der Fallwinkel eines Reissacks? Und wenn, werden die sich eher fragen, was denn die Elite bitteschön für Sorgen hat.

Die 10117-Blase vergisst manchmal überdeutlich, das von den 82.800.000 Einwohnern Deutschlands nur 368.122 in Berlin-Mitte leben, und das deren Probleme (so gravierend sie auch sein mögen) nicht zwingend die der restlichen 82.431.878 sein müssen. Und es gibt Tage, wo das so richtig nervend spürbar wird.

Nachtrag: Ach ja – wo wir gerade beim Thema Twitterarroganz sind: Ich finde die Ehe für alle ok. Ich respektiere aber auch, wenn jemand das anders sieht. Es gibt ja auch Menschen, die Modern Talking mochten. Aber mal ganz ehrlich: Wer traut sich schon noch, zuzugeben, dass er das anders sieht? Diese wenigen dann für ihre Meinung wüst zu beschimpfen (Zitat aus der Timeline von jetzt gerade: “Im DLF beschwerte sich gerade ein reaktionär homophober CDU-Mensch darüber, als reaktionär und homophob bezeichnet zu werden”), geht gar nicht – abgesehen vom fehlenden Respekt anders Denkenden gegenüber ist das eine selten dämliche Art, das “auch das darf man nicht mehr sagen”-Gefühl noch kräftig anzuheizen.

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