Tauber und die Empörungsblase

Manchmal kommt man ja in die Verlegenheit, für jemanden Partei ergreifen zu müssen, den man eigentlich nicht verteidigen will. Stefan Niggemeier beispielsweise kennt das Phänomen, wenn er Journalisten, die über die AfD berichten, erklären muss, dass auch jemand, dessen Meinung man laut gesellschaftlicher Konvention ganz, ganz doll doof findet, Anrecht auf Anwendung der journalistischen Handwerksregeln hat, und dass in dem Moment, wo vermeindliche “Haltung” die sachlich saubere Arbeit ablöst, die Vorwürfe der Meinungspresse weitaus stärker zutreffend sind als allen lieb sein kann.

Nun will ich mich nicht mit Niggemeier vergleichen (das würde der sich wohl auch verbitten). Aber habe mich in der “Minijob-Debatte”, die Peter Tauber losgetreten hat, ein wenig so gefühlt. Ich bin kein Fan von Peter Tauber, ich bin nicht einmal ein Fan der CDU. Aber ich habe das wahrlich sich nicht schön anfühlende Bedürfnis, ihn zu verteidigen.

Dabei rede ich nicht über das Prinzip von Minijobs. Dafür bin ich schlicht zu wenig Arbeitsmarktexperte. Ich könnte mich bei sachkundigen Kollegen natürlich schlau machen, aber der Punkt ist ja genau der, dass es überhaupt nicht um Minijobs geht.

Was genau ist also passiert?

Peter Tauber hat über das Wahlrprogramm der CDU getwittert. Das politische Ziel lautet wohl “Vollbeschäftigung”. (darüber sollen andere ausführlich schreiben). Daraufhin hat ihm ein AfD-Troll geantwortet “auch, soll ich also drei Minijobs machen”?. Nun ist es ein erstaunliches Phänomen, dass linke und rechte Idioten sich der gleichen Themen und sogar des gleichen Vokabulars bedienen – die AfD-Deppen ziehen ebenso munter mit den Sahra-Wagenknecht-Gassenhauer von massenhaftem Elend durch die Lande.

Als Antwort auf den AfD-Troll haute dann Tauber seinen Satz raus “Wenn Sie was ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs”.

Nun weiss man als Kommunikationsmensch, dass es sich nicht lohnt, auf jeden Kommentar zu antworten. Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich mal, etwas wirklich ausgefallenes, mutiges und non-konformistisches wie einen Pro-TTIP-Tweet abzusenden. Also: es wäre sicher besser gewesen, den Deppen schlicht zu ignorieren.

Aber: Das Tauber damit ausgesagt habe, nur ungelernte würden Mini-Jobs ausüben, oder gar diejenigen beleidigt habe, die einfache Arbeiten ausüben – das ist so infam und bösartig, dass mir fast die Worte fehlen.

Niemand, der nicht die CDU hassen WILL, kann ernsthaft behaupten, das richte sich herablassend gegen jeden, der einen Minijob ausübt. Und ebensowenig ist das eine Aussage, mit jeder beliebigen Ausbildung werde man sorgenfrei leben können.

Dämliche Kommentare lassen auf Twitter selten lange auf sich warten, und so ein Fall ist die oft medial zitierte Aussage: “Schon mal versucht, als Erzieher_in oder in der Pflege eine Familie zu versorgen? Oder sind Menschen in diesen Berufen schlecht ausgebildet?”.

Mal ehrlich: was hat das mit Taubers Tweet zu tun? Genau: Überhaupt nicht das Geringste.

Dass der politische Gegner das sofort ausnutzt und bösartig fehlinterpretiert, ist bei dessen verzweifelter Suche nach irgendeinem Angriffspunkt ja noch nachvollziehbar, auch wenn es eine Trump-würdige Verrohung der politischen Sitten darstellt, die nicht dadurch besser wird, dass sie umgekehrt vermutlich genauso erfolgt wäre. Und dass die Gewerkschaften natürlich draufspringen, um ihrer SPD die Wahlkampfunterstützung zu geben, ist auch erwartbar – auch wenn ich schon ein wenig staune: Laut Satzung hat sich die IG Metall beispielsweise verpflichtet “ihre Unabhängigkeit gegen über den Regierungen, Verwaltungen, Unternehmern, Konfessionen und politischen Parteien jederzeit zu wahren”. Und dann erklärt zB Ralf Kutzner via  Twitter, wo er ausdrücklich als “Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall” auftritt:

“Tauber mit Geringverdiener-Bashing u. NRW-CDU will weniger Pausen und längere Arbeitszeit. Ist das nun der politische Arm der Reichen?”

Na gut, wie ernst die Gewerkschaft ihre eigene Satzung nimmt, ist nicht mein Problem.

All das wäre an sich ja schon schlimm genug. Aber der Blog heisst ja nicht “Politikblase”, und der Wahlkampf ist kein Ponyhof.

Richtig peinlich finde ich, dass die Medien dieses Spiel auch noch mitmachen und nicht etwa die Versuche, diesen Tweet als Beleidigung aller arbeitenden Menschen umzuinterpretieren, in Grund und Boden lachen, sondern sich zum eifrigen Werkzeug der Empörungsritter machen (lassen?).

Ganz vorne leider erwartbar mit dabei: Die besonderen Freunde von SPIEGEL ONLINE, die gleich mehrfach versuchen, die Empörungswelle voranzutreiben (ein eigenes Thema wäre mal die Unsitte, Tweets zu sammeln statt Artikel zu schreiben). Aber auch unsere seit der Dirndl-Geschichte von jeder parteipolitischen Neigung völlig fremde Vorkämpfer gegen Sexismus-Redaktion vom STERN war natürlich dabei. Sascha Lobo hat in seiner SPON-Kolumne immerhin etwas heiße Luft rausgelassen, wo er zumndest mal auf den Kontext hinweist. Fairerweise muss ich aber zugeben: Auch seriöse Medien haben sich gestern und heute reihen- und traurigerweise dazu entschlossen, dem Empörungsspin zu folgen, statt einmal ruhig durchzuatmen.

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

Create a free website or blog at WordPress.com.

Up ↑

<span>%d</span> bloggers like this: