Medien und die Twitter-Pest

Am Anfang war es die Fußballberichterstattung im Fernsehen, so zumindest meine Wahrnehmung: Als Journalisten, die dafür bezahlt werden, Themen zu recherchieren und entsprechend aufbereitet den Lesern, Hörern und Zuschauern zu präsentieren, sich modern und interaktiv zeigen wollten und dann irgendeine nach optischen Gesichtspunkten ausgewählte Schnepfe* den Auftrag hatte, vorzulesen, was denn „das Netz“ so zum Spiel sagt und anfing, die besten Tweets vorzulesen.

Diese Masche hat sich inzwischen auch fest in den politischen Journalismus reingefressen, und das finde ich ein fürchterliches Armutszeugnis für den Journalismus. Ich will jetzt nicht Jean-Remy von Matt bemühen, aber seien wir ehrlich: gerade Twitter ist kein Medium für tiefe, ausgewogene Analysen. Es ist das geschreiebene Hassknecht: ein oft genug wütend rausgebrüllter Kommentar, der nicht auf sachliche Richtigkeit, nicht einmal auf Diskussion zielt, sondern da wird zu jedem beliebigen Thema mit plattest möglichen Witz um maximaler Zustimmung gerungen. Das kann manchmal wirklich lustig sein, meist aber ist es mehr Wagenknecht meets Mario Barth denn Loriot.

Sprich: es geht darum, den möglichst böswilligen One-Liner rauszuhauen, nicht darum, eine Debatte zu führen. Wenn Medien nun also die „besten“ Tweets raussuchen, ergänzen Sie ihren Artikel eben gerade nicht um eine zusätzliche Information oder auch nur um einen weiteren Aspekt, sondern sie bauen zynische Politikverachtung ein, und weil sie feige sind, verstecken sie das hinter einem zitierten Tweet. Als Journalisten sollten sie aber wissen, dass jeder Tweet eine individuelle Meinung ist und damit für nichts steht als für eine Einzelmeinung.

Und gerade heute ist mir das nun auch bei der dpa begegnet. In einem Beitrag über ein Youtube-Interview mit Martin Schulz findet sich die Passage: “‘Vielen der bis zu 15 000 Zuschauer, die das Gespräch bei Youtube verfolgen und bei Twitter kommentieren, gefällt, wie offen der 61-Jährige sich präsentiert. «Schulz ist deutlich sympathischer und nicht so «Fake» wie Merkel. Er ist deutlich spontaner, und das gefällt mir», twittert ein «Alex»”. Soweit das Zitat.

„Ein Alex“ bekommt ein Zitat-Platz in einem Beitrag der dpa. Das muss man mal so wirken lassen. Liebe DPA: WHO THE FUCK IS ALEX?  Warum wird dieser Tweet ausgesucht, und nicht einer von sicher mehreren hundert anderen?Aber das illustriert nur mein Grundproblem. Bei vielen Themen geht es mir übrigen s auch mit so Formaten wie „Twitterperlen“ etc ähnlich. Es gibt Themen, wo One-Liner wunderbar sind und passen. Aber zu politischen Themen – von Fachkräftemangel bis zu Flüchtlingen – ist es unanständig, nur den flottest möglichen Spruch irgendeines möchtegern-LateNightKomikers rauszuhauen und damit eine komplizierte politische Frage ins Lächerliche zu ziehen.

Liebe Medien, ob Fernsehen, online oder Print: bitte hört auf damit, willkürlich ausgewähltem Honks Platz einzuräumen. Das wirkt nicht modern, und auch nicht interaktiv – sondern es wirkt (zumindest auf mich) faul und feige.

 

*ja, das habe ich als genauso sexistisch empfunden, wie es dann wohl war.

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