Der öffentliche Diskurs und der vermisste kategorische Imperativ

Der öffentliche Diskurs ist krank. Ich finde, es wird dringend Zeit, das Hyperventilieren und die Schnappatmung wieder einzustellen und grundsätzlich erst einmal wieder andere Meinungen als die eigene zuzulassen und auszuhalten.

Schon daran krankt es, und zwar völlig egal, um welches Thema es geht. Und dann neigt die 10117-Blase (aber vermutlich nicht nur die) auch dazu, hinter jeder Aussage eine Metaebene zu vermuten, so dass jeder Sachbeitrag nicht nur in der Sachebene diskutiert wird, sondern sofort auf der Metaebene – ob es die nun gibt oder nicht. Auch das ist unglaublich anstregend und nervt.

Ich plädiere dafür, dass alle, ehe sie sich aufregen, erst einmal den Test machen: Wäre das genauso verwerflich, wenn das Vorzeichen umgekehrt wäre? Das ist umso wichtiger, wenn es angeblich um ein Prinzip geht. Wir müssen zurück zum kategorischen Imperativ.

Es ist völlig menschlich, dass wir oft mit zweierlei Maß messen. Die Fußballfans unter uns kennen das: Wenn Arjen Robben im Strafraum fällt, ist das für die Hälfte der Fans eine rotwürdige Schwalbe – für die Bayern-Fans aber ein klarer Elfmeter, denn selbst wenn Arjen von niemandem getroffen wurde, dann ist er nur gesprungen, um sich vor der Blutgrätsche zu schützen, die ihn sonst gleich umgesenst hätte*. Wir alle ordnen Dinge danach ein, wie unsere Sympathie liegt und ob es die aus unserer Sicht richtigen trifft, und das geht uns allen auch in anderen Bereichen so. Ralf Stegner hat bei einem Interview mit Frau Slomka einen Fettfleck auf der Krawatte? „Sympatisch-Menschlich, toll, dass es ihm um Sache geht statt um die persönliche Eitelkeit“ oder „was für ein respektloser Mensch, wenn es sich nicht mal dafür sorgfältig anzieht“: beides wird es sicher geben, und die Einschätzung hängt, wenn wir ehrlich sind, davon ab, ob wir Ralf Stegner mögen. Selbst das aber hängt daran, ob wir politisch ziemlich weit links stehen – oder eben nicht. Sportler oder Autoren äußern sich zu aktuellen politischen Themen: finden wir gut, wenn sie unserer Meinung sind, aber unangebracht, wenn sie nicht das gewünschte sagen. Das zeigt: Aber die persönliche Sympathie ist ein miserabler Ratgeber, wenn es um das Prinzip geht.

Selbstverständlich geht mir das ja genauso. Deshalb plädiere ich aus eigener Erfahrung für die Rückkehr zum kategorischen Imperativ als Bewertungsmaßstab. Was immer uns aufregt – ehe wir lostwittern: einmal den Check machen, wie das mit umgekehrtem Vorzeichen aussehe. Immer noch verwerflich? Dann los.

Schauen wir uns ein paar Beispiele an.

Bundestagsabgeordnete übernehmen Textentwürfe von Lobbyisten? Ist das auch dann verwerflich, wenn die Lobbyisten nicht von der Industrie, sondern von Greenpeace oder den Gewerkschaften sind?

Wir finden natürlich gut, wenn Gastwirte der AfD keinen Raum vermieten wollen. Würden wir es auch gut finden, wenn sie der Linken den Raum verweigern?

Eine Demonstration der AfD wird durch Protestaktionen verhindert. Das ist mir sympathisch, denn mit den Dumpfbacken, die da außen und im Hirn volltätowiert durch die Straße ziehen, verbindet mich nichts. Aber kann ich es gut finden, wenn eine doofe, aber legale Meinungsfreiheit eingeschränkt wird? Fände ich es erträglich, wenn die jährliche Rosa-Luxemburg-Prozession der LINKEN verhindert würde? (ok, schlechtes Beispiel, weil… aber das ist ein anderes Thema). Fänden es diejenigen, die das feiern, akzeptabel, wenn – sagen wir – Pulse Of Europe verhindert würde?

Wir sind völlig zu Recht wütend, wenn Abgeordentenbüros von Linken angegriffen werden (und das, obwohl ich in vermutlich so ziemlich jedem denkbaren Thema völlig anderer Meinung als der oder die Abgeordnete bin) – müssten wir das nicht auch sein, wenn AfD oder (um das Prinzip deutlich zu machen) DVU-Abgeordnete angegriffen werden?

Beim AfD-Parteitag gab es – in den sozialen Medien begeistert unterstützte – Blockaden durch Demonstranten, die Delegierten den Weg versperren wollten. Wäre die Berichtestattung von taz bis öffentlich-rechtliche auch dann von Sympathie durchworben, wenn ein Haufen stiernäckiger Prolls ein Treffen der parlamenarischen Linken zu verhindern versuchte? (Antwort: Wohl so)

Das zeigt sehr schnell: in den allermeisten Fällen finden wir das mit dem umgekehrten Vorzeichen nicht gut. Das Handeln im dem einen Fall funktioniert also nicht als Maßstab für allgemeingültiges Handeln. Dann aber bleibt uns nichts, als das auszuhalten – oder wir selbersind keinen Deut besser als diejenigen, die wir so moralisch überlegen ablehnen.

Also an alle: Fragen wir uns bitte vor dem Aufregen auch erst einmal wieder: Wäre das auch ein Elfmeter, wenn es gegen unser Team ginge?

 

*Disclaimer: Ich bin seit Kindertagen Bayern-Fan. Natürlich war das ein Foul, mindestens ein geplantes.

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