Das Ende der Diskursfähigkeit: Warum “Haltung” gefährlich ist

Meist regt man sich ja im Tagesschehen über etwas Konkretes auf. Neulich gab aber eine Anfrage mal die Gelegenheit, grundsätzlich über die politische Debattenkultur nachzudenken. Und dazu passt die immer wieder kehrende Forderung, man müsse “Haltung” zeigen – als Journalist, als Unternehmen, als Jedermann. Auch auf die Gefahr hin, damit alleine zu stehen: Das finde ich eine fatale Anbiederung an den Gruppenzwang.

Natürlich steht “Haltung” heute immer im Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage und dem “Kampf gegen Rechts”. Ich habe schon mal erklärt, dass ich jeden Glaubwürdiger fände, der seine hochmoralischen Werte auch dann hochhält, wenn sie gegen den Mainstream stehen. Aber da wir beim entscheidenden Stichwort der moralischen Werte sind: nach Jahren des Twitter- und Fachbook-Diskurses bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass gerade die “Haltung” und “Moralische Verpflichtung” der Grund für den zunehmenden Verlust an Diskursfähigkeit sind.

So gut wie alle Leitartikelschreiber sind sich ja schließlich einig, dass der Ton in politischen Diskussion heute ungleich schärfer und unversöhnlicher ist als früher, “in der guten alten Zeit”. Damals, als wir immer bei einer Tasse Tee unaufgeregt und ordentlich, mit Rednerliste und Redezeit, so lange ruhig ausdiskutiert haben, bis wir uns alle einig waren. Böse Worte sind dabei natürlich nie gefallen, schon gar keine Angriffe auf die Person. Und das haben wir alle solange friedlich gemacht, bis Populisten jeglicher Couleur die schöne Ordnung kaputt gemacht haben.

So ungefähr muss das mal gewesen sein, wenn ich die Klagen kluger Feuilletonisten ernst nehme. Ein bisschen schade ist nur, dass ich mich beim besten Willen nicht an diese Vergangenheit erinnern kann. Ich für meinen Teil erinnere mich beispielsweise den selbst in den Schulen unerbittlich aungetragenen Bundestagswahlkampf mit der “Stoppt Strauß”-Kampagne oder an NATO-Doppelbeschluss und Brokdorf – ebenfalls politische Auseinandersetzungen, die von beiden Seiten mit unerbittlicher Härte und Konsequenz geführt wurden. Selbst Anfang der 90er Jahre gab es noch die roten-Socken-Kampagne der CDU gegen die SED/PDS/Linkspartei. Nein, die Debatten waren damals©  weder friedlicher noch emotionsfreier als heute.

Ist also alles halb so wild? Gibt es keinerlei Grund zur Beunruhigung? Ganz so schön ist es leider nun auch wieder nicht. Der Blick in die Leserkommentare großer Onlinemedien oder in die Kommentarspalten der Sozialen Medien ist oft genug gruselig. Nein, das ist beschönigt. Er ist eigentlich immer gruselig. Bei den einen sind es die Rechten, bei den anderen die Linken, aber es sind fast immer Idioten. Was also ist anders als früher?

Es geht immer weniger um die Sache, sondern inzwischen fast immer um ein Prinzip. Dass hart um Positionen gerungen wurde, dass Meinung auch krachend auf Meinung traf, das gehörte immer schon zur Demokratie.

Aber es gibt heute viele Interessengruppen, die mit dem Streit um Sachfragen nicht weit zu kommen glauben. Sie haben sich deshalb höchst erfolgreich darauf verlegt, statt aus dem Ringen von Meinungen und Fakten lieber moralische Forderungen zu machen.

Es geht also nicht mehr um die Frage, ob eine im Schnitt gut versorgte Rentnergeneration noch mit der Gießkanne ein paar Rentenpunkte obendrauf bekommen soll – es geht um eine „Anerkennung der Lebensleistung“. Es geht nicht mehr darum, wie ein erwirtschaftetes Plus verteilt werden soll – es geht um „Arbeit, die zum Leben passt“. Es geht nicht mehr um die Gestaltung von Handelsabkommen, es geht um „die Demokratie“. Es geht nicht mehr darum, wie man Wohnungsbau voranbringt, sondern um ein „Menschenrecht auf Wohnen“. Es geht nicht mehr um die Frage, wie man in einer Industriegesellschaft Strom erzeugten kann, der auch nachts und bei Regen zur Verfügung steht – es geht darum, “die Erde zu retten”. Achtet mal darauf, es gibt unzähige Beispiele. Es funktioniert aber auch als Bullshitdetektor: Wer eine Forderung mit größtmöglichem Pathos vorbringt, und moralische Dimensionen in den Vordergrund stellt, hat in aller Regel die Zahlen gegen sich, und die Argumente sowieso.

Die Moralkeule wird immer dann geschwungen, wenn es an inhaltlichen Argumenten fehlt. Und das Traurige ist: es funktioniert manchmal.

Das Problem daran ist: Wer anfängt, das eigene Interesse hinter einer wie auch immer hergeleiteten Moral zu verstecken, setzt ein absolutes „wir gegen die“. Und er macht Kompromisse nahezu unmöglich, denn damit wird ja auch jede andere Auffassung als unmoralisch kategorisiert. Moral als Waffe im politischen Kampf: Das ist es, was den öffentlichen Diskurs vergiftet.

Dass dieser Methode Grenzen gesetzt sind, spüren wir dieser Tage. Wenn nämlich erstens ein Einwand nicht mehr daraufhin diskutiert wird, ob er sachlich zutrifft oder nicht, sondern wenn moralisch geurteilt wird, ob ein Einwand überhaupt erhoben werden darf,entsteht dieses mulmige Gefühl des “nicht mehr sagen dürfens”, aus dem sich Verfolgsungswahn und Populismus nähren. Und zweitens wird dann schnell dem moralischen Prinzip auf der anderen Seite ein anders, aber ebenso legitimes moralisches Prinzip entgegen gestellt. Und was nun? Dann haben wir einen nicht mehr zu überbrückenden Graben zwischen zwei Meinungen.

Hinzu kommt: Zur Demokratie und zur Diskussion gehört auch, prinzipiell die Möglichkeit zu akzeptieren, dass der Andere recht haben könnte – oder verschiedene Meinungen schlicht auszuhalten. Beides geht aber nicht, wenn ich meine eigenen Ziele hinter moralischen Absolutismen verstecke.

Spielen wir wieder mit offenen Karten, dann können wir Kompromisse finden. Wenn wir – egal, an welcher Stelle unserer Gesellschaft – um Geld oder Einfluss streiten, dann stehen wir doch bitte wieder dazu, dass wir über Geld oder Einfluss streiten! Das alles ist nicht verwerflich. Stattdessen aber das durch ein moralisches Prinzip zu verbrämen ist feige und macht Kompromisse immer schwieriger, oft sogar unmöglich.

 

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