#schulstreik

Puh, die Meinungshysterie ist anstrengend. Und über die Neigung, jedem, der nicht 100.-prozentig und laut jubelnd der eigenen Meinung zustimmt, grundsätzlich erst einmal finstere Absicht zu unterstellen, habe ich an anderer Stelle schon geschrieben. Aktuelles Beispiel ist das Thema Schulstreik und seine Gallionsfigur Greta Thunberg. Es tut mir wirklich leid, aber ich kann mich hier wieder einmal partout nicht für reines Schwarz oder reines Weiß entscheiden.

Vorab und erst mal der Reihe nach: ja, Klima ist wichtig, und ja, da muss gehandelt werden. Ja, das die jungen Menschen sich engagieren, finde ich toll, und wenn sich in Deutschland Schulkinder von Greta angesprochen fühlen und sich ebenfalls engagieren wollen, ist das auch toll.

Trotzdem ist mir der Hype und die eher verklärende Aufnahme des Schulstreiks ein komplettes Rätsel. Ich habe mich zu Studienzeiten schon gefragt, was der Studienstreik soll, zu dem der Asta regelmäßig aufgerufen hat.

Streiken tun Arbeitnehmer, um wirtschaftlichen Druck auf den Arbeitgeber aufzubauen, der in der Zeit mangels Produkt oder Dienstleistung kein Geld verdient – dafür nehmen die Streikenden in Kauf, in der Zeit gar kein Geld oder nur ein Teil des Geldes (wenn Sie in der Gewerkschaft sind, die zum Streik aufgerufen hat) bekommen. Aber einfach nicht zur Vorlesung kommen? Der maximale Effekt ist, dass der Dozent sagt, wir lassen die Vorlesung ausfallen. Und beim Schulstreik? Wen wollen die Streikenden denn zum Handeln bewegen? Doch die Politik. Aber hat die Einnahmeverluste oder höhere Ausgaben? Natürlich nicht. Der Schulstreik ist damit – reden wir offen – natürlich eine reine PR-Maßnahme, ein Medientermin, um über die öffentiche Meinung Druck aufzubauen.

Wie gesagt: ich finde es toll, dass die Kinder was bewegen wollen. Und PR und Medientermine sind völlig legitim. Aber die Schule zu schwänzen? Wäre der Protest, gerade wenn wir über moralisch aufgeladene Debatten reden, nicht irgendwie glaubwürdiger in seinem moralischen Absolutheitsanspruch, wenn die Schüler beispielsweise ihre Handys verschenken und sich verpflichten, in den nächsten zehn Jahren auf keines zu kaufen? Oder wenn sie erklären, ab sofort maximal zwei Stunden im Monat das Internet zu nutzen, um den Stromverbrauch (den eigenen und den der Anbieter) zu senken? Ganz abgesehen davon gehört auch zur Wahrheit, dass das Weltklima nur zum kleinen Teil an Deutschland hängt. Die mobil werdende Mittelschicht in China ist der Protest in Deutschland vermutlich so was von egal, und auch Donald Trump wird vermutlich nicht vor Rührung das Klimaschutzabkommen wieder in Kraft setzen. Der Rest der Welt schaut auf Deutschland, das stimmt. Nur eher anders als behauptet: Wenn bei uns die Energiewende den Bach runtergeht, weil die sichere Energieversorgung weg ist und dann Arbeitsplätze verloren gehen, und dann der Dank der Wähler für die folgenden Wohlfahrtsverluste folgt, dann wird sich jedes Land der Welt hüten, den Weg nachzugehen.

Ich will gar nicht mit der Debatte anfangen, ob ein Ziel der maximal möglichen CO2-Reduktion nicht zwingend die Rückkehr zur Kernenenergie notwendig macht – da kennen sich andere besser aus. Paul Ziemiak hatte völlig recht: eine 16-jährige Aktivistin kann Maximalforderungen stellen, weil sie die Umsetzung nicht managen muss. Die wohlfreile Kritik an Ziemiak war verlogen. Natürlich ist es auch nicht die Aufgabe der 16-jährigen, das zu managen. Da wiederum haben die Kritiker der Kritiker völlig über das Ziel hinausgeschossen.

Es ist nicht die Aufgabe der Kinder, im Protest rational zu sein. Wer mit 15, 16 nicht ganz genau weiß, dass er Recht hat und dass die Erwachsenen alle zu doof und zu feige sind, der ist nicht 15 oder 16. Aber es wäre Aufgabe der Erwachsenen und nicht zuletzt auch der Medien, das zumindest etwas rationaler zu betrachten.

So, das ist das Eine. Und damit kommen wir zur Debattenkultur. Es ist atemberaubend erschütternd, dass eine sachliche Abwägung nicht mehr möglich zu sein scheint. Greta Thunberg schlägt auf den asozialen Netzwerken eine, so muss man das sagen, teilweise menschenverachtende Hetze entgegen. Und so mancher Kommentar darüber, ob denn nun die Schulpflicht nicht durchgesetzt gehört, scheint auch von der Sehnsucht nach dem Rohrstock durchdrungen. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass man die Kinder vor diesen Wutausbruchsbürgern in Schutz nehmen will. Nein, man muss sie in Schutz nehmen! Und viele von denen, die den Schaum vor dem Mund haben, kleiden das auch noch in angeblichen Kinderschutz. Also, mal ganz ehrlich: eine 16-jährige mit starker Meinung, die keinen Widerspruch duldet, muss nicht von irgendwelchen Eltern oder anderen Erwachseneren fremdbestimmt handeln. Fragt mal die Eltern jedes beliebigen Pubertiers. Und selbst wenn es so wäre: Was hat das mit dem Inhalt des Anliegens zu tun?

Aber umgekehrt ist es auch falsch, jeden, der die Sinnhaftigkeit hinterfragt, mit ähnlich brachialer Gewalt anzugehen. Eine Debatte vom Inhalt zu entkernen und nur noch an Symbolen hochzuziehen ist übrigens keine Erfindung der Klimaskeptiker oder der Rechter. Ich sage nur: Chlorhuhn.

Auch, wenn man sich das auf beiden Seiten kaum noch vorstellen kann: Man kann in der Mitte gehen. So, jetzt schreibe ich es noch mal:

Ich finde den Schulstreik als Mittel ungeeignet und auch nur begrenzt glaubwürdig.

Ehe ich damit wieder Zustimmung von komischen Twitterkonten mit roten X in Namen bekomme: Damit habe ich mit keinem Wort der Notwendigkeit des Klimaschutzes widersprochen, noch habe ich den Kindern die Ernsthaftigkeit ihrer Sorge abgesprochen. Mir ist im Kern auch egal, dass die Kinder die Schule schwänzen. Mir stört nur die moralisch aufgeladene Überhöhung dieser PR-Aktion.

Ich habe keine Lösung parat – weder für das Klima- noch für das Debattenproblem. Ich weiß nur eines: Es wird nicht so gehen, wie es Greta und viele ihrer Fans wollen. Es wird aber auch nicht damit gehen, ihr Anliegen zu ignorieren. Und mit gegenseitigem Niederbrüllen wird sowieso nichts gehen.

 

 

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