BILD vs Drosten: Warum ich im Team BILD bin

Heute ist mal wieder so ein Tag, wo twitter einen Irre macht. Aber der Reihe nach. Gestern veröffentlichte unser aller Lieblingsvirologe Christian Drosten eine Anfrage der BILD, die eine Studie von ihm kritisch beleuchtet, und die ihm Gelegenheit bot, auf die Kritik zu reagieren. Das hat er abgelehnt und lieber die Anfrage selber auf Twitter veröffentlicht. Heute ist der Artikel der BILD erschienen, und die Twitterblase kotzt sich aus, darunter auch viele Journalsten, die es eigentlich besser wissen sollten.

Worum geht es?
Drosten hatte eine Studie veröffentlicht, in der es um die Virenlast von Kindern geht. Diese Studie – oder Vorstudie – ist in einem Fachzirkel veröffentlicht worden, wo Fachleute auch ziemlich harte Kritik an dem Artikel geübt haben.

  1. Ist es legitim, über die Kritik zu berichten?
    Selbstverständlich. Drosten ist unbekannter Forscher, sondern eine zentrale Autorität in Corona-Zeiten, dazu eine mit enormen Einfluss auf die politischen Entscheidungen. Wenn Studien, die auch Grundlage für politische Entscheidungen sind, sich als falsch herausstellen sollten, hat das enorme Brisanz und ist natürlich von Nachrichteminteresse.

    Ja, es ist problematisch, wenn die Weltverschwörungsspinner damit Argumente bekommen. Aber das ändert nichts daran, dass es vollkommen legitim ist, die Dinge unter die Lupe zu nehmen. Davon zu wssen und es zu verschweigen, das wäre ein echter Medienskandal, und DAS würde den Spinnern beweisen, dass sie recht haben,

2. Ist es legitim, die Kritiker aus dem Fachzirkel zu nennen?

Einer der Zitierten hat sinngemäß erklärt, wenn er gewusst hätte, dass das jemand liest, hätte er sich anders ausgedrückt. Das ist ja nun erbärmlich wie sonstwas. Klar sind Debatten unter Fachleuten Debatten um Details, die nicht die Person an sich in Frage stellen. Aber falsch zitiert hat die BILD offenkundig keinen der Beteiligten. Fairer geht es eigentlich nicht: Peer review-Kommentare zitieren, also Leute, die was zum Thema sagen können. Im Übrigen: Der Artikel der BILD erklärt weder, Drosten haben keine Ahnung, noch fordert er, Drosten in Zukunft zu ignorieren. Diese Deutungen finden nur im Kopf der Empörten statt. Der Artikel erklärt, Drostens Studie stünde in der Kritik der Experten. Das stimmt eindeutig. Außerdem fragt er, ob sich Drosten geirrt habe. Einige der zitierten sagen ja. Wenn das so wäre – man beachten den Konjunktiv – ist das eine Nachricht, und das Erkunden ist: Legitim.

Ist die Fragestellung eine unfaire Vorverurteilung?

Nein, die Frage ist legitim. Und üblich: “Hat XY Steuern hinterzogen” stört ja auch niemanden, wenn es “den richtigen” trifft.

Ist die Personalisierung legitim?

Hier wird die Kritik mancher Medienschaffenden besonders lustig, denn die Personalisierung ist eine längst grassierende Unsitte, die lustvoll von allen Medien betrieben wird – besonders gerne auch von den öffentlich-rechlichen, nebenbei gesagt. Wenn Thüringen, um ein Beispiel zu nehmen, die Corona-Beschränkungen weiter lockern will als Bayern oder NRW, berichten SPIEGEL, Tagesschau oder die Frankfurter Rundschau über einen Ringen nach dem richtigen Weg, mit verschiedenen gleichranging möglichen Wegen, oder ist es “Ramelow gegen Söder/ Laschet”? Der John-Wayne-Journalismus ist eine Pest, aber eine von ziemlich ALLEN Medien seit langem lustvoll zelebrierte. Die BILD dafür zu kritisieren ist billige Heuchelei.

Ist es legitim, Drosten zu kritisieren?

Halllooo?

Drosten ist ein toller Typ, und ein wunderbar sachlicher Erklärer. Daran ändert sich nchts, falls er sich geirrt haben sollte (erneut: Konjunktiv). Drosten kommuniziert nebenbei gesagt auch offensiv medial, dass seine Aussagen gecheckt und hinterfragt werden ist Aufgabe des Journalismus.

Ist die Frist, die die BILD Drosten gesetzt hatte, zu kurz?

Die Frist (so etwas über eine Stunde, wenn ich das richtig gesehen habe) ist knackig. Aber keineswegs unüblich. Ich finde, die Anfrage von Herrn Piatov war sogar ziemlich fair: Er hat konkret die Zitate geschickt, mit denen Drosten konfortiert wird, statt allgemein von Kritik zu sprechen, und da es um eine Fachdebatte ging, kann man erwarten, dass Drosten weiß, worum es geht. Ich würde auch davon ausgehen, dass ihn die Kommentare der Kollegen auf der Plattform interessieren, er damit die Zitate ja kennen müsste. Die Fragen nicht zu beantworten ist eine legitime Entscheidung von Drosten. Aber dann läuft die Geschichte ohne seine Einordnung. Das passiert jeden Tag hundertfach bei allen möglichen Akteuren, an denen öffentliches Interesse besteht.

Ich finde es auch legitim, die Fragen schriftlich zu stellen. Die Antwort schrichtlich zu bekommen schliesst aus, hinterher falsch zu zitieren.

Hatte BILD eine fertige Story im Sinn, als sie Drosten gefragt hat?

Ja sicher stand die Story vorher. Auch das ist: Normal. Bei jedem Politikmagazin, erst recht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, steht die Story vorher , jede Talkshow wird nach Rollen besetzt, jeder SPIEGEL-Artikel ist so aufgebaut. Das kann man kritisieren – aber wäre die Emprung auch so groß, wenn es nicht um Drosten und BILD gnge, sondern, sagen wir, um die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und die DEUTSCHE BANK? Ja? Wirklich?

Abgesehen davon: Drosten hatte – wie hunderte Politiker, Showsternchen, Verbände, Unternehmen etc – die Wahl: Die Story um seinen Sicht zu ergänzen (dann hätte da vermutlich gestanden: “Kritik an Drosten. Zitat Kritiker. Drosten widerspricht.”), oder sie so laufen zu lassen. Je nachdem, welche Medienberater man hat, wird zum einen oder anderen geraten.

Aber die BILD ist doch Abschaum!

Am Ende bleiben Zitatekacheln und der Hinweis, BILD sei halt Abschaum. Das ist aber eine weltanschauliche Frage, keine inhaltliche. Ich finde den BILD-Furor unangemessen, affektiert und ermüdend, aber das mag anders sehen, wer mag.

Zusammengefasst:

Die Frage der BILD ist legitim, das Vorgehen vollkommen üblich unter den Medien. Das mag man gut oder schlecht finden, aber der BILD vorzuwerfen, was vom SPIEGEL bis zu Foodwatch alle anderen Akteuere der Medienwelt selber zelebrieren, ist verlogene Heuchelei. Als ein Medienakteur das gewählte Staatsoberhaupt eines anderen Landes als “Ziegenficker” bezeichnet hat, gab es empörte Reaktion darüber, dass der Majestätsbeleidigung strafbar war. Der Paragraph ist inzwischen abgeschafft, und Prof. Drosten ist ein Glücksfall, aber über Kritik an seiner Forschung zu berichten ist auch kein Grund dafür, ihn wieder einzuführen. Daher: #TeamBILD!

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