Warum Trump doch gewinnen könnte*

Über nichts ist sich Deutschland so einig darüber, wie furchtbar Donald Trump ist. Ich finde die Besessenheit, mit der man sich mit dem Clown im Weißen Haus beschäftigt, ja irritierend. Nicht, weil ich The Donald als Person schätzen würde (Ein schmieriger fieser alter Mann, Doonesbury und Bloom County haben das unsäglich peinliche neureich-Geprotze schon in den 80ern/90ern vortrefflich karrikiert), und schon gar nicht, weil ich seine Politik richtig finde. Sondern weil diese exzessive Obsession, sich gegenseitig zu versichern, wie furchtbar dieser Mensch denn nun ist, schlicht langweilig ist. Dass es zudem in dem Bewusstsein der moralischen Überlegenheit daherkommt, macht es nicht besser. Den Bürgern eines anderen Landes ständig zu erklären, dass sie zu doof und zu verbohrt sind, den richtigen Kandidaten zu wählen, finde ich ja auch eine Verächtlichmachung der Demokratie. Demokratie bedeutet nämlich auch, Entscheidungen des Wählers dann zu akzeptieren, wenn man sie persönlich für falsch hält. Aber die Frage, warum sich die Deutschen und insbesondere die deutschen Medien so ausführlich an amerikanischen Präsidenten abarbeiten , ist eine Frage für Psychologen oder Soziologen. Ich erinnere mich jedenfalls daran, dass so ziemlich jeder Republikaner in den deutschen Medien als Botschafter der Hölle etikettiert wurde (ob Reagan, Bush sen., Bush jun. oder die Kandidaten Romney und McCain), und manchmal ertappe ich mich selber dabei, dass ich mir denke: Trump geschieht den deutschen Redaktionshäusern zu Recht. Aber das ist natürlich albern, und ich versuche, den Gedanken schnell wieder loszuwerden. Aber das Thema ist ja: Warum gewann Trump, und warum kann auch in ein paar Tagen wieder gewinnen? Dazu muss ich etwas ausholen.

Die amerikanische Gesellschaft ist erst einmal anders als die Deutsche. Amerikaner stehen dem Staat grundsätzlich skeptischer gegenüber. Das will ich gar nicht werten, wie alles ist das in einem historisch-gesellschaftlichen Kontext zu sehen, und es ist einfach, wie die Gesellschaft da ist.

Der amerikanische Wohlstand und der Aufstieg zur (wirtschaftlich begründeten) Supermacht ist, wie vermutlich in den meisten Ländern der Welt, der Industrie zu verdanken gewesen. Wie überall auf der Welt ist die dort entstanden, wo es Transportwege gab, Energie, Rohstoffe und Arbeitskräfte – Schwerindustrie und Bergbau gaben da den Ton an. Illinois, Indiana, Michigan, Ohio, Pennsylvania, New York (der Bundesstaat) und New Jersey – dort entstand der Wohlstand und mit ihm das Selbstbewusstsein. Die Ursachen für den Niedergang der Industrie sind vielfältig, manche hausgemacht, manche nicht, der Effekt ist jedenfalls: Das wirtschaftliche Kraftzentrum des Landes hat sich längst verschoben. Industrie gibt es nun eher im Süden des Landes, Internet und Finanzen in Kalifornien und New York (der Stadt). Warum erzähle ich das alles? Weil die Gegenden, die den amerikanischen Mythos begründet haben, heute der Rust Belt sind. Der Absturz war tief: vom bejubelten Schöpfer des amerikanischen Wirtschaftswunders zum White Trash, vom guten Mittelklasseleben zum Hausen im Trailer Park: die Auswirkungen auf die Psyche der betroffenen Gemeinden kann man sich gut vorstellen. Trump hat darauf einfache Lösungen parat (und es gilt: wer behauptet, auf komplizierte Probleme einfache Lösungen zu haben, lügt. Immer), aber von der liberalen Seite (liberal im europäischen Sinne) nehmen die Menschen dort eher wahr, dass „Gone with the Wind“ nun ein rassistisches Werk ist, dass der Bibelvers „Gott schuf Adam und Eva“ diskriminierend ist, weil alle ausgeschlossen werden, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen, und so weiter. Ich überspitze hier etwas, aber das Prinzip ist so. Die Menschen zB im Mittleren Westen sind konservativ, aber gut – die haben kein Problem damit, auf jemanden Rücksicht zu nehmen, der sich verletzt fühlt. Aber die Wirkung des Ganzen ist: Wir haben das Land groß gemacht, nun leben wir im Dreck – und die Elite lebt gut und erklärt uns pauschal zu Rassisten und rücksichtlosen Hinterwäldlern. Wohlgemerkt: Ich mache mir das nicht zu eigen, ich will auch nicht sagen, dass diese Wahrnehmung stimmt. Aber sie ist da. Und diese lange Einführung ist notwendig, um Trump zu erklären.

Es gibt sicher einige Menschen, die Trump wählen, weil sie ihn tatsächlich gut finden oder seine Politik für richtig halten. Die reichen aber nicht aus für den Wahlsieg. Ich bin sicher: Die meisten Wähler wählen ihn aus einem anderen Grund: Aus Daffke, wie der Berliner sagt.  Aus Trotz. Diese Wähler gehen davon aus, dass sich eh keiner um ihre Lage sorgt – von der „liberale Elite“ spüren sie aber Herablassung, gar Verachtung für sich und alles, was ihre Identität ausmacht. Sie wählen dann denjenigen, über denen sich diese Elite am meisten aufregt. Auch wenn das am Ende ihnen selber schadet.

Damit ist auch klar: mit jedem Video, in dem  Randy Rainbow Trump verarscht, mit jedem Saturday Night Live-Parodie, in der Alec Baldwin Trump spielt, wächst der Vorsatz eines Wählers in Ohio oder Florida, nun erst recht Trump zu wählen. Und das erklärt im Übrigen auch die Demoskopie: Wer gibt schon zu, irrational und aus Trotz zu wählen?

Und es erklärt, warum die Überzeugung, man müsse den dummen Wählern nur richtig erklären, was für ein Sexist und Rassist un Dorftrottel Trump ist, keinen Millimeter hilft. Weil es in, leider Gottes, Elitenüberheblichkeit davon ausgeht, dass die Wähler in aus Dummheit oder Boshaftigkeit wählen. Aber jedes “ich erkläre euch jetzt mal, warum ihr gegen eure Interessen handelt” wird als genauso herablassend wahrgenommen, wie es ehrlichweise auch gemeint ist, und die Wirkung ist dann eben nicht reuige Umkehr, sondern der beschriebener Trotz.

Falls jemand den Roman „Nobody’s Fool“ von Rene Russo kennt: Der Protagonist Sully verkörpert diese Haltung: Wenn mir jemand sagt, was gut für mich ist, mache ich aus purem Trotz das Gegenteil, auch wenn ich weiß, dass das gerade eine dumme Idee ist. Der Roman ist von 1993, und Sully wäre geradezu die Inkarnation eines Trump-Wählers.

* Ich bin kein Politikwissenschaftler, Soziologe oder Wahlforscher, ich bin nicht mal Amerikaner oder auch nur in den USA lebend. Es handelt sich um meine subjektive Einschätzung, und ich bin gespannt, wie schnell diese altert. Und auf eure Einschätzung.

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